Stadtleben

Sehenswürdigkeiten

Momentan sind ja viele Touristen in der Stadt, und ehrlich gesagt, frage ich mich: Was schauen die sich eigentlich den ganzen Tag an? Denn wenn man es mal genau nimmt, gibt es in Berlin nur wenig, was den Begriff „Sehenswürdigkeit“ rechtfertigen würde. Oder anders gesagt: Was den Besuchern hier so als touristische Attraktion verkauft wird, ist schon abenteuerlich.
Fangen wir mal mit den furchtbaren Mauerresten an der East Side Gallery an, die nun gerade noch mal neu be­malt werden durften. Da stehen an einer zugigen Ecke in Sichtweite der furchtbar hässlichen O2-Arena diese bunten Betonreste und erzählen brandneu verschandelt so rein gar nichts von der Geschichte. Die Straße runter steht dann das seltsam geklinkerte Rote Rathaus, gegen das sich selbst der Bürgermeistersitz von Paderborn architektonisch wertvoll ausnimmt, und der Alex vis-а-vis dürfte zumindest die empfindlicheren Naturen unter den Berlin-Touristen wenigstens ratlos stimmen. Und was bitte soll man sich am Potsdamer Platz anschauen? Eine Handvoll mittelgroßer Hochhäuser, wie sie in jeder x-beliebigen amerikanischen Kleinstadt zu Dutzenden he­rumstehen? Ein paar pittoreske Stuckreste hinter Glas, die man monströs „Kaisersaal“ nennt?

Und können wir mal kurz über das Brandenburger Tor sprechen? Und es mal mit dem  L’Arc de Triomphe in Paris vergleichen? Als Tourist würde ich im An­gesicht dieser Mickrigkeit die ganzen Fotografen mit ihren Weitwinkel-Objektiven verfluchen. Bliebe noch der tumbe Reichstag, die Schwangere Auster, die Siegessäule. Alles ganz okay, aber auch alles international nicht wirklich konkurrenzfähig.
Es spricht aber für Berlin, dass es trotz dieser fast totalen Absenz von besuchswürdigen Orten so viele Menschen anzieht. Wahrscheinlich sind die alle ganz froh, mal nicht diesen Freizeitstress zu spüren, den die mit Wunderbarkeiten vollgestopfte Städte wir Rom, Paris oder Barcelona ausüben können. In Berlin kann man getrost länger im Hotelbett liegen bleiben oder auch die Tage in den Bars und Cafйs vertrödeln, ohne was zu verpassen. Zu Hause kann man dann ja erzählen, dass es weltweit keine Metropole gibt, in der es so wenig zu sehen gibt. Ist ja auch was.

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