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Senat lehnt Beherbergung von nicht deutschen Obdachlosen ab

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Kein Dach über dem Kopf?: Bis zum Beginn seiner Langzeittherapie gegen seine Alkoholsucht sollte der Rumäne Lucian (Foto) vorübergehend einen öffentlich geförderten
Übernachtungsplatz erhalten. Doch die ihm zugewiesene Pension lehnte die Beherbergung ab – weil Lucian nicht deutsch ist. Ein Verfahren, das von Senatsseite gebilligt wird. 

 

Wo diese Geschichte beginnt, ist schwer zu sagen – doch sie endet in Mahlsdorf vor der verschlossenen Tür der Pension Werner. Hier im Osten Berlins sind Ausländer nicht erwünscht. Und der Berliner Senat findet das in Ordnung. Dabei wähnten sich der obdachlose Rumäne Lucian V., 40, und seine Betreuerin Jana Grösche, 22, eigentlich am Ende einer langen Odyssee, als sie vor der Pension, einem dreistöckigen Haus an der Hönower Straße, stehen.

Der erste Teil ihrer Reise begann vor rund drei Monaten und führte durch die Widrigkeiten Berliner Amtsstuben. Anfang des Jahres übernahm Jana Grösche die Betreuung des obdachlosen und alkoholabhängigen Rumänen Lucian V., 40, und lotste ihn zurück ins Leben: Sie half ihm bei der Beschaffung eines Personalausweises, einer Versichertenkarte und am Ende besorgte sie ihm sogar einen Platz im Entzug. Die Studentin ist Honorarkraft bei der Berliner Stadtmission. Als Einzelfallhelferin betreut sie Menschen am untersten Ende unserer Gesellschaft: Verwirrte, Schwerstkranke oder Süchtige wie Lucian, der vor sechs Jahren aus dem rumänischen Timisoara nach Deutschland kam, um hier Arbeit zu finden, der aber, bis auf ein paar Gelegenheitjobs, nie Fuß fasste und am Ende alkoholabhängig auf der Straße landete.
An diesem Morgen hat sie ihn aus der Schlossparkklinik abgeholt-– nach einem dreiwöchigen Entzug. Seinen gesamten Besitz trägt Lucian in einem Rucksack mit sich. In wenigen Wochen soll er eine Langzeittherapie beginnen. Bis dahin braucht er ein Dach über dem Kopf. Hier beginnt der zweite Teil dieser Geschichte.

Im Bezirksamt im Rathaus Wedding erhält der Rumäne, der seit sechs Jahren in Berlin obdachlos ist, über die sogenannte Bettenbörse des Landesamts für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) eine Unterkunft zugewiesen: In der Pension Werner ist noch ein Platz frei. Aus Wedding fährt das ungleiche Paar nach Kreuzberg – das Jobcenter dort ist für die Kosten zuständig. 13,78 Euro pro Nacht bewilligt der zuständige Sachbearbeiter. Erst dann geht es mit der S-Bahn weiter nach Mahlsdorf. Gegen Mittag treffen die beiden dort ein.

Was dann passiert, hat die Sozialarbeiterin in einem Gedächtnisprotokoll notiert: „Weil ich so etwas noch nie erlebt habe.“ Denn statt eines weichen Bettes gibt es nur harsche Worte. „Spricht er Deutsch?“, fragt ein Mitarbeiter schon im Vorgarten. „Nicht gut, aber er versteht alles“, erwidert sie. Doch das reicht nicht: „Die machen doch nur Ärger, genau wie die Vietnamesen“, ruft der Angestellte und lässt offen, wen er mit „die“ meint. Alles Zureden und der Verweis auf die offizielle Überweisung und die Kostenübernahme helfen nicht: „Lucian hat sogar selbst auf Deutsch gefragt, wo das Problem sei“, erinnert sich Jana Grösche, „doch das interessierte nicht.“

Pensions-Mitarbeiter Henry Keil bestätigt dem tip einige Tage später den Vorfall, findet aber nichts dabei: „Wir lassen Ausländer nur bei uns wohnen, wenn sie gut Deutsch sprechen, sonst kann man ihnen nichts erklären.“ 24 Plätze habe die Pension, darunter seien derzeit sogar vier Ausländer. „Doch wie gut Lucian V. Deutsch spricht, wurde gar nicht geprüft“, sagt Jana Grösche, „für eine Hausordnung reicht sein Deutsch mit Sicherheit.“

Doch Konsequenzen muss die Pension, die gut von den staatlich finanzierten Übernachtungen lebt – bis zu 30 Euro übernehmen die Ämter pro Nacht –, nicht fürchten. Im Gegenteil: Vom Sozialsenat gibt es für die Praxis sogar Rückendeckung. Auf den Vordrucken des LAGeSo, die dem tip vorliegen, können Ausländer von der Beherbergung sogar ausgeschlossen werden. Denn Pensionen können dort nicht nur ankreuzen, ob sie Platz für behinderte Menschen oder Tierhalter anbieten. Es wird auch zwischen Ausländern oder Deutschen unterschieden.

Für Constance Frey, Sprecherin des zuständigen Senators Mario Czaja (CDU), ist das kein Problem: „Das Formular dient der möglichst konfliktfreien Zuordnung von obdachlosen Menschen auf freie Plätze“, erklärt sie. „Einrichtungen können Personen ablehnen. Das bedauern wir. Eine Abfrage bei einigen Bezirken hat allerdings ergeben, dass Einrichtungen ausländische Obdachlose so gut wie gar nicht ablehnen.“

Martin Beck, Sprecher für Soziales der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, will diese offiziell genehmigte Unterscheidung in In- und Ausländer nicht auf sich beruhen lassen und fordert eine Änderung des Formulars: „Mich macht diese Vorgehensweise fassungslos. Ob jemand Deutscher ist oder nicht, darf kein Kriterium sein, wenn es darum geht, Menschen zu helfen, die ein Anrecht darauf haben.“ Er fordert eine Stellungnahme des Senats und Konsequenzen für Einrichtungen, die ausländischen Obdachlosen Hilfe verwehren. „Dann sollten sie überhaupt keine Personen zugewiesen bekommen.“

Text: Björn Trautwein

Foto: Marion Hunger 

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