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Senatsbaudirektor Hans Stimmann im Gespräch

hans_stimmann… sein Leitbild der kritischen Rekonstruktion der Stadt endlich zu überwinden. Dies sollte ein Streitgespräch werden, herausgekommen ist aber ein Sachgespräch.

tip: Anlass für unser Gespräch ist die Debatte darüber, wie die Berliner Bau- und Stadtentwicklungspolitik neu ausgerichtet werden kann. Ideen dazu entwickelt eine Gruppe von Architekten, fünf von ihnen haben Ende Januar im tip Position bezogen. Die Gruppe hat sich aus der Opposition zu Ihrem Buchprojekt „Stadthäuser“ gebildet. Sie wirken immer noch mächtig nach, Herr Stimmann.

Stimmann: Das liegt an der Dauer meiner Tätigkeit als Senatsbaudirektor und Staatssekretär über drei Legislaturperioden. Die Stadt und ihre Architekten arbeiten sich immer noch an den Themen der Nachwende ab, weil sie weiter aktuell sind. Als die Mauer fiel, gab es zwei Aufgaben: den Umgang mit der alten Innenstadt und das Bauen privater Investoren und Bauherren.

tip: Das private Bauen konnten Sie über Bauvorschriften beeinflussen.

Stimmann: Nein, nicht über Vorschriften, sondern über die Debatte, was Stadt ist. Als die Mauer fiel, gab es zwei Schulen. Die einen haben gesagt, jetzt beginnt alles neu. Wolfgang Nagel als Bausenator und ich, wir sagten, es gibt keine neue Welt, allerdings müssen wir uns jetzt mit privaten Bauherren auseinandersetzen. Wir haben Regeln aufgestellt, innerhalb derer private Bauherren investieren konnten. Das waren keine architektonischen, sondern städte­bauliche Regeln. Die wichtigste ist die Baulinie, das heißt Bauen entlang der Straße, und nicht der Entwurf frei stehender Objekte — wie im Hansa-Viertel. Zweite Vorschrift, die Höhe. Städtebau funktioniert in Deutschland so, dass die Häuser bezogen auf eine bestimmte Periode etwa gleich hoch sind. Für Berlin hieß das in der Gründerzeit die Beschränkung auf fünfgeschossige Häuser, die die berühmten 22 Meter ergaben. Über solche  Regeln haben sich wahnsinnig viele Architekten aufgeregt. Nehmen Sie Daniel Libeskind oder Frank O. Gehry. Wenn sie eine Baulinie einhalten müssen, dann ist ihre Idee von Architektur nicht möglich.

tip: Daniel Libeskind hat das Jüdische Museum gebaut.

Stimmann: Weil es ein Kulturbau war. Darin besteht eines der großen Probleme in der Rezeption von Architektur. Man darf ein Wohnhaus als Baustein der Stadt nicht so wichtig nehmen wie ein Museum. Ein Wohnhaus ist Teil einer Stadt, einer Straße.

tip: Ich freue mich über ungewöhnliche Wohnhäuser wie das von Arno Brandlhuber in der Brunnenstraße.  

Stimmann: In unserer heutigen Gesellschaft sind die Individuen ganz schwer auf Konventionen einstellbar. Wenn ich in die Philharmonie gehe, ziehe ich mir ein weißes Hemd an. Jemand sitzt neben mir im Freizeitanzug — vielleicht von Michalsky. Viele Menschen wollen ihre Individualität überall ausleben. Wenn das nicht auch in der Architektur passieren würde, wäre es ein Wunder. Innerhalb eines traditionellen städtebaulichen Konzepts gibt es einen riesigen Spielraum an Ausdrucksmöglichkeiten. Deshalb sollte auch Brandlhuber sein ungewöhnliches Wohnhaus bauen dürfen. Dafür sind auch die Häuser von Jürgen Mayer oder Sauerbruch & Hutton Belegobjekte.

tip: Ist ein Architekt ein Künstler?

Stimmann: Er ist ein Baukünstler. Bauen hat immer eine künstlerische Dimension, weil der Architekt Oberflächen bearbeitet wie ein Bildhauer und Farbe einsetzt wie ein Maler. Aber er muss auch ein Klo entwerfen und Energievorschriften einhalten. Ein Haus muss erst einmal funktionieren. Die meisten Leute wohnen im Altbau, auch die meisten Architekten, auch ich. Das Haus, in dem ich wohne, ist nicht Baukunst, das ist Handwerk, geplant von einem anonymen Baumeister.

tip: Bei den privaten Neubauten neigt der Markt zum Mainstream.

Stimmann: Ja, die privaten Nachfrager von Wohnhäusern neigen zu konventionellen Formen. Gefragt ist Solides, Traditionelles. Nicht ohne Grund gehören Patzschke und Patzschke, die das Adlon entworfen haben, zu den erfolgreichsten Berliner Architekten. Sie spielen mit den Formen gründerzeitlicher Häuser. Das ist oft nahe am Kitsch, aber die meisten Bauherren sehnen sich nun mal nach einer neoklassizis­tischen Villa. Das ist ein Grund, warum zum Beispiel Chipperfield mit seiner kultivierten, hocheleganten Architektur so erfolgreich ist.
Er reduziert traditionelle Formen so weit, dass man erkennt, es ist ein modernes Haus. Die meisten Menschen wollen nicht Teilnehmer an Architektur-Experimenten sein und bodentiefe Schlafzimmerfenster verhängen müssen, damit keiner reingucken kann.

tip: Sprechen wir über Gentrifizierung. Wie erreicht man eine gute Durchmischung der Bevölkerung?

Stimmann: Nicht durch Architektur, sondern durch günstige Mieten. Die soziale Mischung war nur herstellbar über eine hohe Subvention des Wohnungsbaus. Heute stehen circa 100?000 solcher mit Steuermitteln geförderten Wohnungen leer. Deswegen gibt es seit einigen Jahren nur noch privat finanzierten Wohnungsbau. Und wer privat baut, möchte mit Verkauf oder Vermietung Geld verdienen. Wer das ändern will, muss wieder in den öffentlich geförderten Wohnungsbau einsteigen. Ich habe die Wahlprogramme durchgeguckt, die Forderung stellt keine der Parteien auf.

tip: Welche Steuerungsmittel hat der Senat?

Stimmann: Nur noch wenige. Dazu gehört die Bodenpolitik. Für den Finanzsenator ist der Besitz von Grundstücken eine potenzielle Einnahmequelle. Das heißt, die Liegenschaftspolitik des Landes ist Finanzpolitik. Ich plädiere dagegen dafür, die Grundstücksvergabe unter stadtentwicklungspolitischen Gesichtspunkten vorzunehmen. Dazu gehört auch, die Grundstücke klein zu machen, zu parzellieren. Dann kommen Individuen zum Zuge. Das wäre eine Steuerungsmöglichkeit, um Vielfalt zu produzieren und damit auch Architekten zu befördern, die ungewöhnliche Vorstellungen haben.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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