Stadtleben

Sex-Droge Theater


Theaterbesucher sind, ob
sie wollen oder nicht, teilnehmende Beobachter, und das nicht nur in der
gefürchteten Hölle des Mitmachtheaters. Augen und Ohren sind äußerst
empfindliche Körperöffnungen. Theaterkritiker geben sich besondere Mühe, die
Empfindlichkeit dieser Körperöffnungen sowohl zu steigern als auch durch so
wahllosen, seriellen, ungeschützten wie ausgiebigen Gebrauch abzuhärten, ohne
Frage ein etwas perverser Vorgang. Was durch diese Körperöffnungen eindringt,
kann bei der Versuchsperson so wunderbare wie grauenvolle Empfindungen
auslösen, ein Vorgang, den man auch vom Eindringen der mitmenschlichen
Außenwelt in andere Körperöffnungen kennt. So gesehen ist der Theaterschlaf
nichts als Notwehr, eine wirkungsvolle Weigerung, sich von den Zumutungen auf
der Bühne das empfindliche Innenleben zumüllen zu lassen. Wer im Theater die
Augen schließt, macht vom Menschenrecht, nicht mit jedem Unsinn intim werden zu
müssen, Gebrauch. Und umgehrt ist der faszinierte Blick, die angespannte
Aufmerksamkeit mit der man in den schönsten Momenten dem Theater folgt,
gleichzeitig hellwach und leicht entrückt, ein ziemlich intimer Akt, sozusagen
ein emotional-intellektueller Kurzschluss, der sich von anderen Liebesakten
zwar in einigen Details, nicht aber im Prinzip unterscheidet und bei einer
Anfälligkeit für diese Reize durchaus süchtig machende Wirklungen auslösen
kann. Machen wir uns nichts vor: Theater ist eine Sex-Droge.

 

Wie jede Sucht hat auch diese ihre trostlosen Schattenseiten
– die tristen Nächte im Zuschauerraum, die man auf der Suche nach dem Kick mit
dem gestreckten, mit Kitsch kontaminierten oder durch und durch synthetischen
Stoff ertragen muss, all die komplett sinnlos und freudlos vertanene
Lebenszeit, immer in der Hoffnung, noch mal etwas so tolles wie Jürgen Gosches
„Onkel Wanja“, wie Gotscheffs „Perser“ oder wie Castorfs „Kean“ zu sehen, statt
dem ewigen gepanschten  Zeug, das
die Kriegenburgs und Peymanns dieser Welt auf den Markt werfen.


Peter Laudenbach

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