Stadtleben

Shermin ante portas

Im letzten tip hat Noch-Gorki-Intendant Armin Petras im Interview darüber gesprochen, dass es im Theater auch nicht anders zugeht als im ganz normalen Kapitalismus: Der Markt und die Hie­rarchie regeln das Geschehen, mal mehr, mal weniger nett. Dafür, dass es am Maxim Gorki Theater demnächst noch etwas härter zugeht als im Rest der Marktwirtschaft, könnte Petras’ Intendanz-Nachfolgerin Shermin Langhoff sorgen. Birgit Walter berichtet in einem tiefenscharf recherchierten Artikel in der Berliner Zeitung von robusten Umgangsformen, die die nächste Gorki-Chefin gegenüber der Belegschaft an den Tag legen soll. Die künftige Intendantin hat, so die Zeitung, einem Drittel der Festangestellten gekündigt, 50 der 160 Mitarbeiter, „die meisten, die kündbar waren.“ Das ist im Prinzip Shermin Langhoffs gutes Recht. Jeder Intendant, der neu an einem Haus anfängt, stellt sich seine Mannschaft zusammen.

Ob es besonders geschickt ist, zur Begrüßung gleich 50 Kollegen rauszuwerfen, von denen die sehr kurzfristig berufene Intendantin kaum alle kennen und in ihren Qualifikationen einschätzen kann, ist eine andere Frage. Bei der Neubesetzung innerhalb weniger Monate kann man ihr nur viel Glück bei der Suche nach guten Leuten wünschen. Keine Frage ist, was für ein Signal die neue Chefin damit gegenüber der Gorki-Belegschaft setzt: Jetzt komme ich. Vergesst, was bis jetzt hier war. Respekt sieht anders aus. Guter Stil auch: Noch bei der ersten Betriebsversammlung, wenige Monate vor der Kündigungswelle, hatte Langhoff erklärt, „dass sie sich über jeden freue, der mit ihr an dem Haus bleiben wolle“, so die Zeitung. Seitdem wissen die Mitarbeiter, was sie in etwa von Langhoffs Versprechen halten können.

Dafür können auf Kostensenkung bedachte Arbeitgeber von der neuen Gorki-Chefin noch etwas lernen. Eine langjährige Mitarbeiterin in der Verwaltung erzählt, dass ihr die neue Intendanz nach der Kündigung ein schönes Angebot machte: Sie könne sich ja auf ihre alte Stelle bewerben und „sich überlegen, ob sie auch für weniger Geld arbeiten könne“ (Berliner Zeitung). Da freut man sich doch auf gesellschaftskritische Stücke im Gorki-Spielplan. Zumindest von den unschönen Seiten einer harten Hierarchie scheint die neue Intendantin ja eine Menge zu verstehen.

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