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Endlich
mal eine viel versprechende Theatereinladung. Statt einfach nur mit
freundlichen Grüßen höfliche Standardbriefe an die Kritiker zu schicken, hat
ein nordfranzösisches Provinztheater im vergangenen Monat ganz neue Formen des Marketings
erprobt. Die Kritiker fanden kleine schwarze Pappsärge mit einer Kugel darin in
ihrer Post. Daneben lag ein Zettel mit einer mysteriösen Botschaft: „Bald haben
Sie eine Verabredung mit Ben und Gus.“ Ben und Gus, muss man wissen, sind
Auftragsmörder. Leider keine realen und auf Kritiker spezialisierte, sondern
nur Figuren in einem Theaterstück von Harold Pinter, das die PR-Genies aus
Frankreich auf die Bühne gebracht haben.



Eine
Morddrohung als offensive Theatereinladung – das ist innovativ, das ist
performativ und es ist wahrlich von einer im Kulturmilieu eher seltenen
Ehrlichkeit. Wohl kaum ein Theaterkünstler dürfte sich noch nicht mit
Mordphantasien gegenüber  den einen
oder anderen Kritikern über Verrisse hinweggetröstet haben. Da ist die Offenherzigkeit,
mit der sich die französischen Theaterleute dazu bekennen, dass sie keine Lust
dazu haben,  aus ihrer Mördergrube
ein Herz zu machen und nur einen toten Kritiker für einen guten Kritiker
halten, von erfrischender Unverkrampftheit. Aber Pappsärge können erst der
Anfang sein. Wie wäre es mit einem von einem Pfeil durchbohrten Apfel („Wilhelm
Tell“), einer Gift-Phiole (wahlweise: „Hamlet“ oder „Romeo und Julia“ oder „Die
Soldaten“), einer abgeschnittenen Zunge („Titus Andronicus“), einem vom Rest
des Körpers entfernten männlichen Genital („Der Hofmeister“), rohen Erbsen
(„Woyzeck“), einem Fleischermesser („Hamletmaschine“),einer toten Katze im
klassischen Mafiastil („Cats“) oder einfach ganz altmodisch: Drogen („Faust,
der Tragödie erster Teil“).
Bedauerlicherweise reagierten die Franzosen dann relativ uncool, als Kritiker
Anzeige erstatteten. Sie redete sich damit heraus, es handle sich um „eine
originelle Werbung“. Der Intendant: „Wir sind keine Kriminellen, wir sind nicht
gefährlich.“

Peter
Laudenbach

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