Stadtleben

Smartphones

Neulich war es wieder so weit: Ein Herr in der Reihe vor mir, vermutlich ein Tourist, war so von der Aufführung begeistert, dass er sie einfach ausgiebig mit seinem Smartphone fotografierte. Ich hatte die Chance, das Bühnengeschehen doppelt zu sehen, einmal auf der Bühne, einmal auf dem zuvorkommend in die Höhe gehaltenen Smartphone-Monitor vor meiner Nase.
Was bei den Live-Video-Spielen von Castorf noch unter Dekonstruktion und angewandte Psychedelik lief, die mediale Simultan-Verdopplung und -Verzerrung des Theaters, ist hier bei der Endverbraucher-Elektronik und dem touristischen Impuls, alles zu fotografieren, was man so erlebt, angekommen. Gerade in langweiligen Aufführungen kann das für willkommene Ablenkung sorgen.

Ist der Smartphone-Livemitschnitt im Theater nocheher dieb verpönte Ausnahme, gehört der Blick auf den Monitor bei laufender Vorstellung, um nebenbei Mails zu checken oder schnell eine SMS zu schreiben („Bin im BE, grauenvoll langweilig …“), längst zum weit verbreiteten und auch nicht weiter als ungehörige Störung empfundenen Nutzerverhalten. Mussten Theaterbesucher früherer Zeiten in öden Vorstellungen ihr Heil im erlösenden Theaterschlaf suchen oder im Kopf Einkaufslisten durchgehen, um die Zeit zu überbrücken, kann der flexible Smartphone-Besitzer nebenbei die Steuererklärung machen, wenn sich der Quatsch auf der Bühne mal wieder sinnlos in die Länge zieht.
Der Hang zum Smartphone-Foto im Zuschauerraum beweist immerhin, dass das Theater wenigstens auf diesem Gebiet den Anschluss an die Popkultur gefunden hat: Viele Konzerte werden längst vorwiegend live-smartphone-gefilmt als erlebt. Das konservative Theaterpublikum hat also noch viel aufzuholen, der Pop ist dem Theater wieder mal Meilen voraus.

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