Stadtleben

Sommer-Theater

„April ist der grausamste Monat“, glaubte T. S. Eliot. „Er treibt Flieder aus toter Erde, er mischt Erinnern und Begehren, er weckt dumpfe Wurzeln mit Frühlingsregen.“ Das mag ja alles sein, aber noch grausamer als der April ist der Juni. Zumindest wenn man tagsüber arbeiten oder wenigs­tens so tun muss, als würde man arbeiten. Besonders grausam ist der Juni, wenn man die Abende aus Neigung, Sucht oder Pflicht im Theater verbringt. Im Winter gibt es nichts Schöneres als das Versinken im Halbdunkel des Zuschauerraums, in dem man sich langsam wegträumt aus der Welt. „Winter hielt uns warm, bedeckte Land in Schnee des Vergessens“, sagt Herr Eliot dazu, und genau so ist es, im Winter ins Theater zu gehen.

Besonders schön sind die Theaterbesuche im Herbst, wenn man sowieso depressiv ist und im Theater dann lauter depressiven oder verzweifelten Menschen auf der Bühne beim Durchdrehen auf höchstem Niveau zusehen darf. Bestens gelaunt verlässt man da das Theater und schöpft angesichts der bürgerlichen Endspiele und schroffen Tragödien beschwingt neuen Lebensmut. Sogar in den ersten Frühlingsmonaten kann das Theater ein Vergnügen sein. Aber im Sommer ist es die Hölle, und das nicht nur, weil ein zurechnungsfähiger Mensch jetzt lieber im Tessin, in der Bretagne oder an der Nordsee wäre. Ab 20 Grad Außentemperatur sind all die Bühnenkatastrophen in muffigen, schlecht belüfteten Zuschauerräumen, in denen sich Schweißdünste mit Parfümschwaden, Haarspray­resten und Alkoholfahnen aufs Schönste mischen, einfach nur albern.

Wie soll man zum Beispiel die Kannibalen und die schrecklich düsteren Albtraumszenarien in Marius von Mayenburgs neuem Stück an der Schaubühne ernst nehmen, wenn man den Nachmittag bestens gelaunt im Prinzenbad vertrödelt hat? Wie soll man irgendeinen stundenlangen, konfusen Castorf-Trash mit Heiner-Müller-Pathos-Soße anders als unfreiwillig komisch finden, wenn draußen alles blüht? Wie soll man die Peinlichkeit eines „Hamlet“ am Maxim Gorki Theater ertragen, ein Abend, in dem sich die breitbeinige Dummheit selbst feiert, wenn man tagsüber im Park T. S. Eliot gelesen hat? Wie soll das gehen? Es geht nicht. Und deshalb atmen wir alle auf, dass die Spielzeit fast zu Ende ist und wir alle im Sommer­loch verschwinden, um nie wieder daraus aufzutauchen.

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