Stadtleben

Sommer

Dass es im Sommer kein Theater gibt, ist nicht eine der unerfreulichsten Sommer-Eigenschaften. Kein Theater heißt für den Theaterkritiker: keine Arbeit. Statt in dunklen Höhlen zu sitzen und hässlichen Menschen dabei zuzusehen, wie sie hässliche Dinge tun, sich umbringen zum Beispiel, oder auch schönen Menschen dabei zuzusehen, wie sie schöne Dinge tun, sich verlieben zum Beispiel (was im Theater aber bedauerlicherweise relativ schnell zu hässlichen Dingen wie Mord und Selbstmord und Seelenelend führen kann – Theaterbesucher, denen ihr Leben lieb ist, lernen folglich, der Liebe zu misstrauen, eine der vielen schädlichen Nebenwirkungen übertriebenen Theaterkonsums …), statt also anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie die abenteuerlichsten Dinge anstellen, ist der Theaterkritiker im Sommer auf sich selbst zurückgeworfen, allein mit sich und, wenn er Glück hat, der Gattin.

Man hat die Wahl, ob man statt des Theaters das Meer oder die Berge, fremde Städte oder das große Becken im Prinzenbad betrachtet. Nach einigen Wochen verlieren sich auch die berufsbedingten Dachschäden. Man wartet nicht mehr automatisch auf Mord und Totschlag, auf Kuss und Schluss, wenn sich auf der Bildfläche zwei Menschen begegnen. Das ist eigentlich auch mal ganz schön, so ein friedlich langweiliges, gänzlich dramenfernes Leben. Man merkt, wie man aufs Angenehmste verblödet, die geistigen Bedürfnisse schrumpfen auf die einer Amöbe. Weshalb noch mal hat man einst, irgendwann im letzten Jahrhundert und Jahrtausend, diesen perversen Beruf der Menschen-, schlimmer noch: der Schauspielerbeobachtung ergriffen? Rätsel über Rätsel.

Dann wird das irgendwann langweilig, diese stumpfe Harmonie, dieses wohlige Glück. Dann ist es endlich Herbst. Gut erholt stürzt man sich begeistert wieder auf die neuen Theaterzumutungen: Einsame Menschen! Sinnloses Leiden! Grauenvolle Liebesgeschichten! Prächtige Gewalttaten! Endlich wieder Mord und Totschlag, Depression und Verzweiflung in schönster Vollendung! Hurra!

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