Stadtleben

Sommerloch

Die erste meiner beiden Lieblingsantworten auf die Frage, ob irgendjemand das Theater braucht, ist gut gelaunt und jahreszeitenabhängig: Nicht, wenn es in der Nähe einen Strand gibt. Erst recht nicht, wenn der Strand am Atlantik liegt, wenn die Ehefrau in den Himmel strahlt und wenn man dort frische Austern schlürfen kann. Dass der Blick aufs Meer das schönste aller Schauspiele zu bieten hat (zumindest im Sinne von Schauen und Spielen, also im Sinne von: Glück), kann man, wie alles andere übrigens auch, natürlich schon bei Proust lesen: „Es gab für mich keine schönen Schauspiele außer solchen, von denen ich wusste, dass sie nicht jemand künstlich zu meinem Vergnügen veranstaltete, sondern, dass sie notwendig, unabwendbar waren: die Schönheit der Landschaft und der großen Kunst. Ich war nur auf das aus, was ich für wahrer hielt als ich mir selber vorkam. (…)  Ich wünschte mir nichts sehnlicher als das stürmische Meer zu sehen.“
Damit kann das Theater kaum mithalten, außer vielleicht wenn beispielsweise Herbert Fritsch inszeniert oder Ulrich Matthes spielt, also viel zu selten.

Meine andere Lieblingsantwort auf die Frage, ob irgendein Mensch des Theaters bedarf, ist riskanter und dürfte nicht die Zustimmung des Deutschen Bühnenvereins („Theater muss sein“) finden. Theater muss natürlich überhaupt nicht sein. Theater ist ein Luxus, das ist ja das schöne daran. Die Antwort auf die Frage, ob jemand das Theater wirklich braucht stammt von Heiner Müller: Um das rauszukriegen, müsste man alle, wirklich alle Theater ohne Ausnahme genau ein Jahr lang schließen und dann mal abwarten, ob jemand etwas vermisst. Gute Idee.

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