Jackie A. entdeckt

Sommerschlussverkaufkönigin

Foto: Jackie A.

Auf allen Vieren krieche ich am Boden des Fashion-Stores, befinde mich am unteren Ende von Leuten, die sich mindestens zwölf Kleidungsstücke über den Arm geworfen haben – bis zu 90 Prozent reduziert! Gefühlsmäßig hat das was vom Mauerfall ’89: Bananen und Beate-Uhse-Produkte für alle! Heute sind wir Sommerschlussverkaufsköniginnen just for one day! Deshalb halte ich diese Stiefelette ganz fest in der Hand. Die letzte und schönste ist um 70 Prozent reduziert. In diesem unwiderstehlich glitzernden, null nachhaltigen Schuh scheint sich das ganze Dilemma meines First-World-Daseins zu manifestieren, in dem ich wieder und wieder den Verlockungen der Konsumwelt erliege, trotz besseren Wissens um dieses zutiefst ungerechte, auf Ausbeutung und Unterdrückung basierende System.

Das Dilemma hat mehre Ebenen, denn der zweite Schuh bleibt im Chaos verschwunden. Ich verlasse das Geschäft mit „Trostkauf“ – Jeans-Hotpants. So eine, wo der halbe Arsch raushängt, ähnlich wie Lady Gaga und Helene Fischer sie auf ihren letzten Touren trugen. Damit werde ich dann meinem Image im Dorf hoffentlich mal gerecht. Zitat einer Nachbarin zur anderen: „Sie müssen mal lesen, was die schreibt – über ihren Gynäkologie-Besuch! SO EINE ist das.“ Dann bin ich eben SO EINE, aber wenigstens trage ich Hotpants, wenn unsere Welt den Bach runtergeht! Und wie nah wir am Abgrund tanzen, belegt eine aktuelle Studie der Hilfsorganisation Oxfam. Demnach besitzen acht Männer soviel wie 3,6 Milliarden Menschen. Das ist die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit. Diese unfassbare Dimension der Ungleichheit wird noch mehr Wut und Hass und noch größere politische Umwälzungen provozieren, sollte die Politik nicht endlich Gegenmaßnahmen einleiten, mahnen die Studienautoren an, wie: Reichtümer besteuern, um das Geld in Umweltschutz und angemessene Bezahlung von Arbeitern zu investieren.

Ausgerechnet in einem Oxfam-Laden hatte ich mein bestes Shopping-Erlebnis überhaupt. Ich wollte diesen Rock aus dem Schaufenster kaufen. Die Verkäuferin sagte, es gäbe noch andere Interessenten, ich solle um 18 Uhr wiederkommen. Als ich eintraf, warteten die anderen schon. Die Verkäuferin legte zwei große Würfel auf den Ladentisch und wir fingen an, um den Rock zu spielen. Das war witzig und nebenbei entwickelten sich erstaunlich emotionale Gespräche. Nach einer gewürfelten „sechs“ durfte ich dann – Jubelschrei! – den Rock bezahlen. Es folgten Handshakes, ausgetauschte Telefonnummern und sogar eine Umarmung. Die Welt gerät nur so weit aus den Fugen, wie wir es zulassen.

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