Stadtleben

Speed-Dating

Ich gestehe, ich bin ein Arschloch. Am Valentinstag treffe ich am Hauptbahnhof ein, im Gepäck der Ausdruck einer E-Mail: „Herzlichen Glückwunsch! Sie sind dabei, wenn der Flirtexpress in Richtung Wolke sieben aufbricht! Aus dem großen Topf der Anmeldungen wurden Sie als einer der Flirt-Kandidaten ausgewählt.“ Lange musste ich nicht überlegen, ob ich mitmache beim Speed-Dating der Deutschen Bahn – obwohl ich kein Single bin. Die Fahrt läuft bei mir unter Recherche, das habe ich auch meinem Partner sehr sachlich mitgeteilt, bevor ich – eingenebelt in einer Wolke Chanel No. 5 – mit knallender Tür das Haus verließ.

Speed-Dating
Der „Check-in“ auf Gleis 14 ist kaum zu übersehen: Inmitten von Kamerateams wippen in roten Windjacken DB-Mitarbeiterinnen zum Takt italienischer Softrock­hits. Lächelnd fertigt man mich ab, setzt ein Häkchen auf der Na­mens­liste, überreicht mir eine rote Rose in Zellophan sowie einen Prosecco im Plastikbecher. Noch während ich mein Schild anhefte, Nummer 493, hält ein TV-Mann die Kamera drauf – natürlich ohne zu fragen. Mit Dagobert-Duck-Lächeln proste ich ihm kurz zu – von Arschloch zu Arschloch sozusagen. Den Becher lasse ich mir an Ort und Stelle nachfüllen. Zwei männliche Singles gesellen sich dazu: „Hallo, ich bin Rolf und das ist Martin. Aus Königs Wus­ter­hausen.“ Die armen Schweine.

Jetzt kommt auch Britta (27) rüber, die weiß, dass heute Frauenüberschuss herrscht. Ein Mann ist wegen des Presseaufgebots geflüchtet. Peer, der braungebrannte Moderator des Events, wird – Beziehung hin oder her – für ihn einspringen. Im Zug bekomme ich Tisch elf zugewiesen, ein rotes Herz ist an die Fensterscheibe gesprüht. Im Fünf-Minuten-Rhythmus wechseln sich am Tisch dann die Männer ab, darunter Arne. Er trägt Kapuzenjacke, studiert im 15. Semester und macht „wat mit Grafik“. „Leider“, fügt er an und beißt in einen DB-Donut mit rosa Zucker­guss. Obwohl er wie ich manchmal in die Panorama-Bar tanzen geht, haben wir beide auf der zuvor ausgegebenen „Flirtlis­te“ unter „Wiedersehen ja/nein“ stillschweigend Letzteres angekreuzt.

Arne wird von Roger abgelöst. Der ist groß, hat strahlende Augen und durchtrainierte Arme. Allerdings gibt es ein Kommunikati­ons­problem, seine Reaktionszeit ist lang. In den Gesprächspausen beobachte ich den Kameramann, der sich umständlich mit seiner Gerätschaft nur knapp über Rogers Kopf zwischen Gepäckeinlage und Sitz positioniert hat und schicksalsergeben vor sich hinschwitzt. Als Roger dann erklärt, er sei Polizist, sage ich: „Das ist doch toll!“ Er antwortet (erstmals ohne Zeitverzögerung): „Ich weiß, auf Uniform und Handschellen stehen alle.“

Die Zugfahrt stellt sich als sehr effektiv heraus. Ich habe so viele Single­männer getroffen wie sonst in einem Jahr, darunter einen Bun­deswehrfallschirmspringer, einen Lokomotivführer sowie den Sänger einer Gothic-Band (Zitat Sänger: „Nur die Band fehlt noch“). Allerdings konnte ich mir kaum die Namen der Männer merken, dafür war die Zeit zu knapp, berichte ich später dem Partner zu Hause. „Wozu auch“, fragt der berechtigterweise. Statt einer Antwort gibt’s eine rote Rose – einge­wickelt in Zellophan.

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