Stadtleben

Sporthauptstadt Berlin

Das Olympiastadion
Foto: Frank Zeidler / www.pixelio.de

Warum in die Ferne schweifen, wenn der Erfolg quasi vor der Haustür liegt? Die Bilanz des Wochenendes ist jedenfalls mal wieder beeindruckend. Egal, ob Hertha, Union, die Eisbären oder Alba: Vier Spiele – vier Siege. Wer im Moment als Sportler gegen eine Mannschaft aus der Bundeshauptstadt antreten muss, hat wenig zu lachen.
War man jedoch die Erfolge im Eishockey und Basketball in den letzten Jahren durchaus gewohnt (sowohl die Eisbären als auch Alba sind amtierender deutsche Meister), gesellen sich nun plötzlich auch zwei Mannschaften dazu, denen eine Erfolgsserie in den letzten Jahren so fremd war, wie dem FC Bayern der Abstiegskampf. Die Hertha als deutscher Fußballmeister und die ganze Stadt feiert mit? Union steigt in die zweite Liga auf und Ost- und Westteil unserer Stadt liegen sich zwanzig Jahre nach dem Mauerfall wieder in den Armen?
Die Annahme, man könne den Grad der Wiedervereinigung in den Köpfen an der Verteilung der Sportstättenbesucher festmachen, wäre fatal und oberflächlich – und trotzdem auf den ersten Blick nicht von der Hand zu weisen. Doch genauso unterschiedlich wie die Sportarten oder Ligen der Vereine, genauso unterschiedlich sind die Leute, die ihren Sporthelden zujubeln.
Wer dieser Tage zu den Eisbären in die O2-World geht, wird verstehen, was gemeint ist. Eine hochmoderne Multifunktionsarena, Bierpreise jenseits von Gut und Böse, ein Rahmenprogramm, welches es mit jeder amerikanischen Halbzeitshow aufnehmen kann und auf den Stehplätzen hinter dem Tor eine unverzagte Fünfhundertschaft, die „Ost-Ost-Ost-Berlin“ skandiert.
Die eingefleischten Fans haben den Wechsel vom Wellblechpalast zum Wohle des Vereins mitgemacht. Mit Murren zwar, doch letztlich sind sie alle vom Trabant auf den Mercedes umgestiegen.
Und auch, wenn dann eben doch so manches Mal noch der „Ost-Berlin“-Schlachtruf durch die Halle schallt, das Schöne in der O2-World ist: Es stört Niemanden.
Denn während das Spiel auf der Eisfläche bereits läuft, der erste Puck seinen Weg ins Tor schon gefunden hat, kommen die Leute aus Steglitz gerade erst in der Arena an, kaufen sich noch schnell eine Brezel für 3,50 Euro und ehe sie sich dann hinsetzen, wird noch eben mit der Freundin telefoniert, die drei Blöcke weiter sitzt, durch heftiges Winken jedoch schnell gefunden wird. Dass der Sitznachbar durch die seltsamen Bewegungen nun das zweite Tor nicht sehen konnte, ist doch halb so wild – schließlich heißt es doch auch: Sehen und Gesehen werden.
Mit dem Umzug in die neue Arena sind die Eisbären zum Publikumsmagnet geworden. Der Schnitt liegt inzwischen bei 14.000 Zuschauern pro Spiel und so hat Geschäftsführer Billy Flinn durchaus Recht, wenn er sagt: „Wir sind Berlins Team.“ Das Interesse der Anhänger jedenfalls hat sich verschoben. „Zuletzt lagen wir bei einem Verhältnis von 60 Ost zu 40 West.“, sagt Flinn nicht ohne einen gewissen Stolz.
Den alteingesessenen Fan interessiert diese Statistik jedoch reichlich wenig. Denn während sie sich auf den Stehplätzen von ihrem Hartz-IV-Geld selbst die Eintrittskarte vom Mund absparen müssen, gibt es auf der anderen Seite zur Brezel noch eine Portion Pommes Frites.
Doch „Pelle“ (42) hat sich inzwischen daran gewöhnt. Seit 20 Jahren ist er arbeitslos und mindestens ebenso lange geht er zu den Eisbären. „Wat soll’s.“, sagt er mit Berliner Schnauze. „So lange die Eisbären gewinnen, ist doch fast alles schön. Natürlich wäre es noch schöner, wenn ich mir ab und zu mal ein Bier leisten könnte, aber dann gehe ich eben unter die Brücke und hole es mir dort.“ Gemeint ist der Bierstand unter der Warschauer Brücke, wo man Alkohol und Würstchen für die Hälfte der Arena-Preise bekommt. „Wenn Du heutzutage erfolgreich spielen willst, brauchst Du halt Geld.“, sagt „Pelle“. „Und bei mir können sich die Eisbären die Kohle sicher nicht holen.“
Die „Kohle“ war auch bei Union Berlin in den letzten Jahren stets das Problem. Noch im letzten Sommer stand der Verein kurz vor dem sportlichen Aus, weil das altehrwürdige Stadion an der Alten Försterei den Ansprüchen des DFB für die dritte Liga nicht genügte. Im Berliner Senat hob man abwehrend die Hände nach dem Motto: Greifen sie mal einem nackten Mann in die Taschen. Schließlich hatte man nun wenige Jahre zuvor schon den Umbau des Olympiastadions in eine WM-fähige Arena zu finanzieren.
Geholfen hat bei Union schließlich die Rückbesinnung auf alte sozialistische Tugenden. Und während die Mannschaft seit Beginn der Saison im verhassten Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ihre Punkte sammelt, greifen die Fans in der Alten Försterei zu Spaten und Betonmischer, um das Stadion den Erfordernissen anzupassen. Die Mannschaft dankt es den Fans, indem sie in Sieben-Meilen-Stiefeln auf dem besten Weg in die zweite Liga ist.
Doch interessiert das im Westteil der Stadt überhaupt Jemanden? Oder geht der Blick jenseits des Brandenburger Tors einhellig gen Westen, wo sich die Hertha inzwischen zumindest im heimischen Olympiastadion von Sieg zu Sieg bolzt? Spielerischer Glanz kommt dabei selten auf, doch so lange Andey Voronin seine Tore schießt, ist dies der mit anhaltendem Erfolg wachsenden Fanschar auch egal.
Die Hertha hat Dank ihrer nunmehr bereits zwölfjährigen Zugehörigkeit zur Eliteklasse des deutschen Fußballs inzwischen fast flächendeckend ihre Anhänger in Berlin und so lange man an der Tabellenspitze der Bundesliga steht, machen sich auch die Leute aus Marzahn auf den Weg quer durch die Stadt.
„Die Hertha hat in den neunziger Jahren mit ihrem Weg aus den Niederungen der zweiten Liga bis in die Champions League vor allem auch im Umland viele Fans hinzugewinnen können.“, sagt der langjährige Dauerkarteninhaber Ingo. „Das hat man auch in der Ostkurve damals gemerkt. Das waren einfach Leute, die schon lange Hertha-Fan waren, durch die Mauer um die Stadt aber ganz einfach die Möglichkeit vorher nicht hatten, ins Olympiastadion zu kommen.“
Mit den jüngsten Erfolgen findet nun auch eine Klientel den Weg ins Stadion, die man bisher nur im beheizten Eisschrank der O2-World gefunden hat: Langmähnige Töchter aus gutem Hause, die eine Niederlage schon wenige Minuten nach Abpfiff verarbeitet haben, und sich trotzdem bei nasskaltem Märzwetter durch das Stadion frieren, weil man auch dort inzwischen gut sehen und gesehen werden kann.
Glaubt man einem Philip Köster, seines Zeichens Chefredakteur des Fußballkultur-Magazins 11 Freunde, entdecken inzwischen selbst Zugereiste ihre Liebe zur Hertha. Im Tagesspiegel schreibt Köster: „Bislang galt es als ausgemacht, dass man als zugereister Berliner stets dem Klub aus der alten Heimat die Treue hielt. Was dazu führte, dass sich selbst bekennende Fußballhasser als leidenschaftliche Anhänger des VfB Stuttgart oder des Karlsruher SC gerierten. Hauptsache nicht die Hertha. […] Als aber Hertha als Tabellenerster grüßte, waberte ein blau-weißes Band der Sympathie durch die Szenebezirke.[…] Familienväter knibbelten den BVB-Aufkleber vom Kinderwagen. Exil-Münchner registrierten erfreut, dass das Stadion in Berlin genauso heißt wie daheim in Minga.“
Betrachtet man nun noch die Basketballer von Alba, so fällt hier in erster Linie auf, dass die Ex-Charlottenburger die einzige der großen Mannschaften sind, die mit ihrer Spielstätte die ehemalige Demarkationslinie der Stadt überschritten haben. Nachdem man 1996 in die Max-Schmeling-Halle nach Prenzlauer Berg umgezogen war, rennen die baumlangen Kerle inzwischen ebenfalls in der O2-World ihrem Spielgerät hinterher. Dem Zuschauerzuspruch hat dies indes keinen Abbruch getan – im Gegenteil. Die Albatrosse tragen ihre Heimspiele inzwischen regelmäßig vor 10.000 und mehr Zuschauern aus – die inzwischen übrigens fast 50:50 aus beiden ehemaligen Hälften der Stadt kommen.
Wer also zwanzig Jahre nach dem Mauerfall noch immer kommt und in strengen Ost-West-Rastern denkt, ist im Sport genauso zum Scheitern verurteilt wie in vielen anderen Bereichen auch. Solange seine Mannschaft erfolgreich spielt, ist es dem Berliner längst egal, ob er seine Arena mit „Ossis“ oder „Wessis“ teilt.
Traditionelle Verbundenheit, die durchaus im kleinen Kiez schon anfangen kann, ist nicht nur im Sport viel, viel älter als es die Mauer je geworden ist und hat allein damit zu tun, dass die meisten Leute in München-Giesing auch eher zum blau-weißen 1860er-Schal greifen als zur rot-weißen Bayern-Fahne.
Doch man muss eben schon genauer hinhören, um in den „Ost-Berlin“-Schlachtrufen letztlich das zu hören, worum es wirklich geht: Nämlich nicht um die Unterschiede zwischen Ost und West, sondern vielmehr um die sich stetig weiter öffnende Schere zwischen arm und reich, zwischen Tradition und Kommerz.
Vielleicht kommt es daher ja auch nicht einmal von ungefähr, dass die Clubs aus dem armen, aber sexy Berlin gerade in Zeiten der Finanzkrise so erfolgreich spielen.

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