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Spurensuche mit Skatern aus der DDR am Alex

This ain’t California
Foto: Wildfremd Production

Ost-Berlin, Mitte der Achtziger. Die DDR steckt in Schwierigkeiten: Noch immer hat die ohnehin schwächelnde Wirtschaft des Arbeiter- und Bauernstaats mit den Folgen der Ölkrise von 1979/80 zu kämpfen. Glasnost und Perestroika spalten den Ostblock und bedrohen zunehmend auch den ideologischen Hoheitsanspruch der SED nach innen. Die Machtbasis der Partei, die doch immer recht hat, bröckelt. Während man also im Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz gewaltige Probleme zu wälzen hat, zelebrieren nur einen Steinwurf entfernt ein paar Jungs die Leichtigkeit. Unter der Sputnik-Kugel des Fernsehturms hüpfen und springen sie, drehen Pirouetten und gleiten im Handstand umher. Ihr Hilfsmittel sind Bretter mit Rollen darunter. „Hier, die Kratzer da, die sind von Skateboards“, sagt Christian Rothenhagen während unseres Spaziergangs über den Alex und deutet auf einen der großen weißen Zacken, die den Fernsehturmpavillon umkränzen. Rothenhagen, Jahrgang 1972, war einer dieser Jungs, „zweite Generation“, wie er sagt. Sie sind nicht viele damals, 25 oder 30 in ganz Ost-Berlin vielleicht, aber wenn sie an der Weltzeituhr ihre Tricks machen, scharen sich die Touristen aus der Provinz um die unerhörte Attraktion.

„Außerirdische“ nennt der Film „This Ain’t California“ jene Handvoll Jugendlicher, zu denen auch Rothenhagen und seine Kumpels gehörten. Der Doku-Spielfilm bringt ihre Geschichte auf die Leinwand und erzählt charmant vom Skateboarding in der DDR. Es geht um Abenteuerlust und Freiheit, um ein Verschieben der Grenzen in einem starren System. Mit den Fakten haben es die Macher dabei nicht ganz genau genommen. „Die Bebilderung ist ziemlich freestylig“, sagt Regisseur Marten Persiel und räumt ein, dass sich in seinem Film Archivmaterial und nachinszenierte Szenen munter vermischen. Es sei Absicht, dass es keine genauen Datierungen, keine absoluten Zahlen gäbe, „eigentlich kaum eine vernünftige Information“. Schließlich ziele „This Ain’t California“ trotz seines dokumentarischen Anspruchs vor allem auf den Bauch und nicht den Kopf. Die Story aber, versichert Persiel, sei komplett authentisch.

Verbürgt ist, dass seit dem Ende der Siebziger in den Hinterhöfen Ost-Berlins, später auch Leipzigs und Dresdens, in der Tat eine Grassroots-Szene keimt, die sich in den Folgejahren auf die öffentlichen Plätze vordrängen wird. Die DDR ist Skateboard-Niemandsland. Lance Mountain, Tony Alva oder Stacey Peralta, die Gurus aus Kalifornien, kennt hier keiner. Stattdessen strahlt Marty McFly in „Zurück in die Zukunft“ aus dem Westfernsehen herüber und befeuert die Fantasie.

Im Einzelhandel der DDR entsprechendes Equipment zu erstehen, um den Vorbildern nachzueifern, können die Jungs jedoch getrost vergessen. „Mein erstes Board hab ich mir aus einem Brett und einem Paar Rollschuhe selbst zusammengenagelt“, erinnert sich Rothenhagen. Er hat sein Schlüsselerlebnis mit elf, als der Sohn einer befreundeten Diplomatenfamilie zum Spielen ein blaues Plastikskateboard aus dem Westen mitbringt. „Damit bin ich dann hin- und hergeeiert und voll drauf abgegangen.“ Mit seinem eigenen Brett probiert er sich zunächst in seinem Kiez an der Museumsinsel aus.

Ähnlich passiert es auch an anderen Orten der Stadt. Marco Sladek übt 1984 seine ersten Moves hinter dem Palasthotel in der Karl-Liebknecht-Straße, natürlich auch auf einem selbst gebauten Brett mit aufgemaltem Pepsi-Logo. Sport ist sein Ding, nicht nur darin ähnelt er verblüffend der offenbar halbfiktiven Hauptfigur „Panik“ aus „This Ain’t California“. Ein Eindruck, der sich im Verlauf unseres Gesprächs immer weiter verstärkt. Skaten, das ist etwas Neues und Frisches, etwas, „das damals eben nicht jeder gemacht hat“, wie Sladek rückblickend sagt. Zur vollen Entfaltung werden die heimischen Höfe und Bordsteine aber bald zu eng.

Skateparks wie im Westen gibt es nicht, und so erobern Sladek, Rothenhagen und die anderen überall da die öffentlichen Räume, wo ein glatter Untergrund die Bretter widerstandsfrei rollen lässt: am SEZ, dem Meilenstein in der Leipziger Straße, oder am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park.

Das eigentliche Mekka jedoch, der „Über-Spot“, ist der Alex. „Da war eigentlich immer wer“, sagt Rothenhagen. Die ausladenden Flächen mit der eckigen Bebauung bieten perfekte Bedingungen: Ebene Steinplatten bilden den Bodenbelag, die vielen Steinbänke, Quader und Mäuerchen sind wie geschaffen für Slides und Grinds, das Kanten-Rutschen mit Brett und Achsen. Auch kleine Rampen kommen zum Einsatz, wieder Marke Eigenbau, versteht sich. „Ich hab die bei mir in der Tischlerei zusammengezimmert und bin mit denen in der S-Bahn zum Alex“, sagt Rothenhagen. Auch die Tricks denkt man sich selbst aus oder schaut sie sich von den anderen Fahrern ab. Hierarchien existieren nicht, allenfalls das technische Können schafft einen gewissen Status.

Ungezwungen ist das und fernab des offiziellen Leitgedankens „Jeder Sportler ein Aktivist“. Sport, das ist in der DDR nicht irgendein Hobby, sondern als „Recht“ in der Verfassung festgeschrieben. „Körperkultur und Sport“, so der ZK-Beschluss von 1951, „müssen einen Teil unserer Kultur, einen festen Bestandteil unserer gesamten Lebensweise darstellen.“ Was meint: Die Leibesertüchtigung hat sich gefälligst in den Dienst einer real-sozialistischen Gesellschaft zu stellen.

Bei den Skatern geht es da sehr viel luftiger zu. Auf dem Brett habe er sich „leicht und unbekümmert“ gefühlt und „die Freiheit“ gespürt, sagt Sladek. Und auch wenn er meint, dass es nur um den Spaß gegangen sei und ihn die Politik „nie interessiert“ habe – in der Gemengelage eines politisierten Sports gerät der schon im Westen unangepasste Charakter des Skatens erst recht zur Provokation. Zumal man es auch im Umgang mit dem Klassenfeind nicht so genau nimmt: Einige der Jungs vom Alex haben Kontakte nach drüben. Sladek, inzwischen einer der besten Skater der DDR, fährt im tschechisch-slowakischen Brno mit den Stars aus den USA und der BRD, und so sickern Schritt für Schritt die einschlägigen Blaupausen nach Ost-Berlin. Magazine und Videos befruchten Stil und Kreativität, und auf den Trainingsanzügen und Kapuzenpullis prangen schnell, mit Filzstift aufgetragen, die Schriftzüge westlicher Skateboard-Firmen wie Vision und Titus. Wenig später etabliert John Haak, Teil der Crew vom Alex und als Sohn einer Finnin Reisefreiheit genießend, zusammen mit dem Charlottenburger Skateshop California Sports gar einen regelmäßigen Transfer von ausgemustertem Material über die Mauer. Das „Germina Speeder“, ein eilig entworfenes Rollbrett der VEB Schokoladen-Verarbeitungsmaschinen aus Wernigerode, ruft dagegen allenfalls Belustigung hervor.

Diese Mischung aus Individualismus sowie westlicher Lebensart registrieren die Offiziellen mit Unbehagen. In gewisser Weise reiben die Skater der Obrigkeit ihre Antithese zum konventionellen Sportbetrieb ja auch direkt unter die Nase: Einer ihrer liebsten Spots ist Der Platz, ein Areal hinter den Rathauspassagen. Direkt nebenan sitzt der Ost-Berliner Bürgermeister, gegenüber im Alten Stadthaus befinden sich die Büros des Ministerrats. Im Gegensatz zu den klar konfrontativen Subkulturen der Punks oder Skins fordern die Skater den Staat mit ihren Kunststücken aber eher spielerisch heraus. Zwar gibt es in den Rathauspassagen Verfolgungsjagden mit der Polizei, wegen des Krachs und der gar nicht gern gesehenen Menschenaufläufe. Und doch erscheinen sie dem Sicherheitsapparat nicht als direkte Bedrohung. Repressalien unterbleiben jedenfalls. „Wir waren wohl einfach zu wenige. Die konnten mit uns nicht wirklich was anfangen“, glaubt Rothenhagen.

Aber die Skater sich selbst überlassen, das wollen die Behörden nun auch nicht. Neben der obligatorischen Observierung durch die Stasi reagieren sie daher mit einer Taktik der Vereinnahmung. Ende 1986 spricht ein Funktionär Sladek an, ob er und seine Kumpels nicht zur Sektion Rollsport der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Empor HO Berlin stoßen möchten. Sie möchten, denn nun können die Jungs auch im Winter in einer Halle fahren, ihre Rampen dürfen sie vor dem Cantian-Stadion im Jahn-Sportpark aufstellen. Eben noch skeptisch beäugt, werden die Skater zudem plötzlich zu Vorzeigefiguren: Sie nehmen an Wettkämpfen teil und sind für Veranstaltungen im ganzen Land gebucht. Es folgen Auftritte im Fernsehen, bei „Elf 99“ und bei Adi in „Mach’s mit, Mach’s nach, Mach’s besser“, Sladek tourt zudem als Teil des Hurrican Trio durch die Diskotheken der Provinz und zeigt dort zu Songs von Prince und Anne Clark seine Akrobatik auf dem Board. Auch diese Geschichte erzählt „This Ain’t California“ mit all den kleinen Freiheiten, die sich der Film überall nimmt.

Im Geiste lassen die Skater sich nicht integrieren. Zwar macht Sladek seinen Schein als Übungsleiter an der Zentralen Sportschule im thüringischen Greiz, allerdings vor allem wegen der 25 Mark Aufwandsentschädigung, die es dafür pro Monat gibt. Ansonsten ist ihm die BSG „scheißegal“, wie er sagt. Lieber intensiviert er die Kontakte zu den Westlern. Die Berichte über die skurrile Szene im Osten locken selbst die Profiskater aus Kalifornien an. Sladek holt sie von der Grenze ab und zeigt ihnen unter Einsatz von Händen und Füßen die Stadt.

1988 wird es legendär: Bei der zweiten inoffiziellen DDR-Meisterschaft am Cantian-Stadion tauchen, so ist es in dem Band „Wir wollten einfach unser Ding machen“ von Kai Reinhart nachzulesen, auch an die 25 West-Berliner auf. Die anwesenden Stasi-Beobachter sowie Sportfunktionäre sind überrumpelt, es gibt hitzige Diskussionen, und man einigt sich mit Müh und Not, dass die Westler nicht fahren, sondern nur die Kampfrichter mimen dürfen. Die gesprengte Party wird in Prag nachgeholt – die „Euroskate“ im städtischen Eishockeystadion ist auf europäischer Ebene das Mega-Event der Zeit. In der eher liberalen CSSR ist Skateboarding eta­bliert. Ein Rausch, vor allem für die Ostler.

Der Mauerfall besiegelt die nach diesen Ereignissen eigentlich schon vollzogene Vereinigung dann auch offiziell. Am 10. November 1989 treffen sich West- und Ost-Berliner Skater bei California Sports und machen gemeinsam den Ku’damm unsicher. „Da war ein echter Mob unterwegs“, sagt Rothenhagen. In den Folgemonaten skaten die Ostler die Philharmonie am Potsdamer Platz oder die Bowls in Marienfelde, die Westler verschlägt es auf der Suche nach unverbrauchten Spots bis nach Marzahn. Angesichts des Selbstbewusstseins ihrer neuen Kumpels verschlägt es ihnen zuweilen die Sprache. „Da hagelte es schon ein paar verbale Backpfeifen vom Allerfeinsten“, schmunzelt Andreas Hesse, damals in der Blind Crew aus Charlottenburg und Wilmersdorf unterwegs.

Doch auch das breiteste Ostberlinerisch kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ein ganzer Staat in Auflösung befindet. Die Jungs vom Alex verlieren sich aus den Augen. „Man konnte plötzlich ganz andere Sachen machen“, sagt Sladek. Er selbst geht – ironischerweise – zur Bundeswehr und wird Fallschirmspringer, heute hat er eine kleine Firma im Messe- und Ladenbau. Christian Rothenhagen holt sein Abitur nach, arbeitet als Sozialpädagoge und macht sich als Grafiker selbstständig. Skaten geht er immer noch ab und zu, „das macht den Kopf frei“, wie er sagt. Den Alex überlässt Rothenhagen inzwischen den nachwachsenden „Außerirdischen“. Doch er ist sich sicher: „Gute Skate-Spots, die sehen Leute wie wir auch noch mit 60.“

Text: Roy Fabian
Fotos: Wildfremd Production Berlin

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