• Stadtleben
  • Stadtleben: Berlins längste Warteschlangen

Stadtleben

Stadtleben: Berlins längste Warteschlangen

Mustafas Gemüsekebap

Mustafas_Gemuesekebab_WarteschlangeWartezeit:     45–90 Minuten
Anzahl Wartende:     50 Leute
Bevorzugtes Schuhwerk:     flache Schuhe

Eine schier unendliche Reihe wartender Menschen schlängelt sich den Mehringdamm entlang. Rund fünfzig Leute stehen an. Für den besten Döner der Stadt. Wenn nicht sogar der Welt. Davon zumindest scheint hier wohl jeder, der an diesem Freitagabend bis zu an­derthalb Stunden ausharrt, überzeugt zu sein. Im Unterschied zur ­handelsüblichen Variante kommt neben einer Geheimzutat besonders viel Gemüse rein – genug, um eigentlich ganz auf das Fleisch
zu verzichten. Für beharrliche Karnivoren gibt es aber auch Hähnchenfleisch. Obwohl sich immer mehr Nachahmer verbreiten, reißt der Andrang nicht ab: Das sei nicht dasselbe, behaupten die Kebab-Kenner.

Jeder 2. ist Tourist

Mindestens die Hälfte der Kunden sind Touristen, denn selbst Reiseführer empfehlen Mustafas. Erstaunlicherweise herrscht über das lange Anstehen kaum Frust. „Warten gehört nun mal zu Berlin“, behauptet ein Franzose einfach mal. Zumindest gehört es zu diesem Gemüsedöner. Junge Erwachsene, die sich vorher nicht kannten, unterhalten sich in verschiedensten Sprachen über die Schlange hinweg. Fast jeder hält ein Bier in der Hand. Ein bisschen Kneipengefühl liegt in der Luft. Nur die Einheimischen selbst sind ungeduldig. „Die sollten hier eine Premiumschlange einführen – nur für Berliner“, sagt ein Mann. Eine Belgierin schüttelt den Kopf. „So ein Quatsch“, sagt sie, „eine Stunde auf einen Döner warten? Auf so was können doch nur die Berliner selbst gekommen sein.“

Strandbad Wannsee

Warteschlange_Strandbad_WannseeWartezeit:    20–40 Minuten
Anzahl Wartende:    fast 200 Leute
Bevorzugtes Schuhwerk:     Flip-Flops und Sandalen

Ein heißer Sonntagmittag auf dem schattenlosen Platz vor dem Strandbad Wannsee. Das Wasser ist nur wenige Meter entfernt. Doch genau die haben es in sich: Fast 200 Menschen stehen hier. Immerhin verteilen sie sich auf drei Warteschlangen. Über eine hal­be­ Stunde müssen die Gäste ganz links ­ausharren, wo sich die Leute mit sperrigen Gegenständen wie Kinderwagen einordnen. Rechts und in der Mitte sind es eher 20 Minu­ten.

Geduldig trotz Hitze

Trotz der Hitze zeigen sich die Wartenden geduldig. „Das Wetter macht ja gute Laune“, sagt eine Frau mit großem Sonnenhut. Nur vereinzelt vergeht die Vorfreude. „Wir sind eine Stunde gefahren“, sagt ein junger Mann, „jetzt müssen wir da rein.“ Trotzdem: Die meisten sind davon überzeugt, dass das Anstehen sich lohnt. Und bis zur Ostsee sind es mindestens drei Stunden.

Berghain   

Warteschlange_vorm_BerghainWartezeit: 20 Minuten
Anzahl Wartende: 70 Leute
Bevorzugtes Schuhwerk: flache Schuhe wie absatzlose Stiefeletten, viele Sneakers

Die Schlange vor Berlins berühmtestem Club sieht beeindruckend lang aus und fasst an diesem Samstagmorgen bestimmt 70 Leute. Trotzdem geht es schnell voran, einige Gäste scheinen beinahe enttäuscht: Gehört eine einstündige Wartezeit nicht zum Berghain dazu? Ein Mann aus Leipzig ist erst vor zwei Stunden in Berlin angekommen – er ist nur wegen des Berghains in der Hauptstadt. „Natürlich bin ich frustriert, falls ich nicht reinkomme“, gibt er zu und guckt ängstlich auf den großen Kasten am Ende der Schlange.

Angespanntes Warten

Die strenge Türpolitik gehört auch zum Mythos um diesen Club, dementsprechend angespannt ist die Stimmung. Viele Leute stellen sich auf die Zehenspitzen, um mehr zu sehen. Wer kommt rein, wer nicht? Ihren Gesichtern nach könnte man in der ehemaligen Heizfabrik eine Schlachterei vermuten, darüber täuscht auch der coolste Blick nicht hinweg. Die Feierstimmung wird sich nach der Sicherheitsschleuse einstellen. Aber immerhin geht es heute schnell.

Reichstag

Warteschlange-ReichstagWartezeit: 40 Minuten
Anzahl Wartende: 50 Leute
Bevorzugtes Schuhwerk: Turnschuhe

Seit einigen Jahren soll eine Online-Anmeldung die Warteschlange vor dem Reichstag verkürzen. Aber Berlinbesucher sind spontan und so hat sich die Schlange gewissermaßen nur auf die andere Straßenseite verlagert, wo sich Touristen vor Ort anmelden können. Bei 30 Grad Celsius drücken sich die Anstehenden in den Schatten des Tiergartens. Einige rechnen mit einer Wartezeit von bis zu einer Stunde. Mit dem erworbenen Ticket können sie vielleicht erst am nächsten Tag in den Reichstag. Die Kuppel werden sie aufgrund von Bauarbeiten nicht sehen. Lohnt sich das? Ein Pärchen aus Australien tauscht einen zweifelnden Blick aus. „Vielleicht sind wir nur dieses eine Mal in Berlin.“ 30 Minuten und wenige Meter später entfernt sich das australische Pärchen aus der Schlange. Die Stadt hat so viel zu bieten. Vielleicht sind sie nur dieses eine Mal in Berlin.

Flughafen Tegel

Warteschlange_FlughafenTegelWartezeit: 20–30 Minuten
Anzahl Wartende: 60 Leute
Bevorzugtes Schuhwerk: Turnschuhe, Budapester, Fellstiefeletten aus Australien

Sechzig Leute stehen am Counter A07 im Flughafen Tegel und wollen nach Antalya. Eigentlich sollte Tegel längst geschlossen sein. Dass daraus nichts geworden ist, scheint an diesem Montag niemanden zu stören. Der Counter ist noch nicht geöffnet. Die Mutter von zwei Kindern, die ganz vorne steht, nimmt das gelassen. Seit 30 Minuten steht sie hier. „Wir waren absichtlich zu früh da“, sagt sie, „ich kann Stress nicht leiden. Man muss ja eh zwei Stunden vor Abflug erscheinen.“ Entspannte Ferien­stimmung liegt in der Luft, ganz so, als wäre das Flugzeug schon in Antalya gelandet. Offenbar beginnt Urlaub in der Warte­schlange.

Texte: Rebekka Wiese 
Fotos: David von Becker, Rebekka Wiese, Benjamin Pritzkuleit

 

Mehr Stadtleben:

Polizisten in Extremsituationen
Durch den tödlichen Schuss am Neptunbrunnen Berlin ist die Diskussion um
Training und Belastung von Polizisten neu entbrannt. Einblicke in die
Psychologie des extremen Polizeialltags – und wie man dafür trainiert

Startseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

Mehr über Cookies erfahren