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Stonewall oder CSD? Um die Berliner Parade ist ein Streit entbrannt

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CSD-Vereinsgeschäftsführer Robert Kastl (links) und Ralph Ehrlich, Vorstand der Berliner Aids-Hilfe. Foto: Gerd Metzer

Back to the roots: Mit diesem Motto will der CSD-Verein die Parade am 21. Juni wieder politischer ausrichten – und in Stonewall Parade umbenennen. Seitdem schlagen die Wogen hoch. Ende April ist deshalb die Berliner Aids-Hilfe aus dem Verein ausgetreten. Das neue Aktionsbündnis CSD Berlin plant für diesen Tag eine eigene politische CSD-Demo: den Community Street Day. Ralph Ehrlich, Vorstand der Berliner Aids-Hilfe, und Robert Kastl,
­Geschäftsführer des CSD-Vereins über gegenseitige Provokationen, zwei
zeitgleiche CSD-Demos und Wurzeln des Protestes.

Herr Ehrlich, Herr Kastl, der Berliner CSD-Verein will, dass der Christopher Street Day vom Land Berlin als offizieller Feiertag anerkannt wird. Ist Ihnen dieses Jahr überhaupt nach Feiern zumute?
Ralph Ehrlich: Klar, als innerer Feiertag ist er ja schon seit Jahrzehnten in mir.
Robert Kastl: Meine Vorfreude ist auch sehr groß. Wir haben ja 45 Jahre Stonewall …

… in der Stonewall-Inn-Bar im New Yorker Greenwich Village begannen am 28. Juni 1969 die gewalttätigen Proteste von Homosexuellen gegen die Polizei-Willkür …
Kastl: Insofern ist das auch für uns ein Jubiläum, bei dem man auch ein bisschen zurückblicken muss, was man schon alles erreicht hat, aber natürlich auch in die Zukunft schaut.

Stichwort Stonewall: Der CSD-Verein, der seit 16 Jahren die jährliche Berliner Christopher-Street-Day-Parade veranstaltet, will sie in Stonewall Parade umbenennen. Seitdem ist die Aufregung in der Community groß. Herr Kastl, Sie wollen damit back to the roots. Aber warum der neue Name?
Kastl: Wir haben 2012 begonnen, den Verein und seine Aktivitäten neu zu strukturieren. Die Veränderungen an der Parade konnte man letztes Jahr beobachten, als wir die Teilnahmebedingungen verschärft haben.

Zum Missvergnügen der CDU, deren Wagen auf der Parade dann nicht mitdurfte.
Kastl: Wir sehen den CSD nach wie vor als Demonstration. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die jeweilige Organisation eine Diversity-Politik betreibt, selber homo- und transfreundlich ist und sich dafür engagiert. Und da ist die CDU durchgefallen.

Herr Ehrlich, weshalb lehnt die Berliner Aids-Hilfe die Umbenennung der Parade vehement ab?
Ehrlich: Stonewall ist ja nicht nur der Name, es steckt ein Konzept dahinter. Da gab es eine Mitgliederversammlung des Vereins, bei der wir uns sehr überrumpelt fühlten: Es kam eine Tischvorlage heraus, eine Stoppuhr wurde aufgestellt, eine Stunde war vorgesehen. Wir haben uns der Stimme enthalten, weil wir uns gern vorher mit unseren Mitgliedern sowie den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern besprochen hätten. Das ging nicht.
Kastl: Stonewall ist nicht der CSD, das ist richtig. Stonewall bedeutet, eine Welt zu schaffen, wo es keinen Unterschied mehr macht – weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft – welche sexuelle Identität den Einzelnen ausmacht. Daran wollen wir nicht nur an einem Tag im Jahr arbeiten, mit großer Parade mit Party und Politik. Sondern wir wollen das ganze Jahr über Aktionen machen, Diskriminierung in der Stadt aufzeigen. Es geht nicht darum, den CSD zu schmälern.

Wegen des Stonewall-Zoffs ist die Aids-Hilfe aus dem CSD-Verein ausgetreten. Herr Ehrlich, wieso musste es dazu kommen?
Ehrlich: Auf dem CSD-Forum brachten wir den Vorschlag, das Stonewall-Konzept für diesen Sommer auszusetzen und im Herbst darüber zu diskutieren. Das wurde mit einer großen Mehrheit des Forums beschlossen. Dann hörte man lange vom Verein, er arbeite daran. Wir als Berliner Aids-Hilfe nehmen traditionell mit einem großen Bus am CSD teil, für all das braucht man Vorbereitungszeit. Deshalb haben wir den Vorstand des CSD e.?V. gefragt, wann wir denn mit einer Entscheidung rechnen können. Aber wir wurden nur immer vertröstet. Als letztlich kein eindeutiges Feedback kam, ob Stonewall ausgesetzt wird oder nicht, war irgendwann der Schlusspunkt erreicht.

Der Verein hat schon Ende 2012 den Begriff „Stonewall“ markenrechtlich schützen ­lassen. Herr Ehrlich, hatten Sie das Gefühl, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden?
Ehrlich: Der ganze Streit hat viel mit Kommunikation und Offenheit zu tun.
Kastl: Nein, er hat mit Macht und Einfluss zu tun. Alle unsere inhaltlichen Änderungen wurden ja mit der Community kommuniziert.
Ehrlich: Letztlich macht der Verein dann doch, was er möchte! Auf das Votum, die Umbenennung auszusetzen, wurde ja auch nicht gehört.
Braucht der CSD-Verein nicht die moralische Unterstützung etablierter Szene-Institutionen wie der Aids-Hilfe?
Kastl: Es wäre schön, sie zu haben, von möglichst vielen Personen, Gruppen und Vereinen. Ob er sie braucht, lässt sich kaum sagen. Aber ich verstehe den Vorwurf nicht, dass wir nicht ausreichend informiert hätten. Die Satzungsänderungen sind nicht von heute auf morgen passiert.
Ehrlich: Aber das Stonewall-Konzept wurde nicht vorgelegt!
Kastl: Die Diskussion im Forum dreht sich immer nur um den Namen, nicht um Inhalte. Dabei haben wir sogar einen Kompromiss bei der Benennung der Parade gemacht: Die heißt jetzt Stonewall CSD Parade. Aber wenn man uns vorwirft, wir hätten nicht genug eingebunden, frage ich jetzt die Aids-Hilfe zurück: Warum musste bei euch schnell vom Vorstand beschlossen werden, dass die Aids-Hilfe austritt, und dann auch noch möglichst öffentlichkeitswirksam? Wurden die Mitglieder befragt? Meines Wissens nicht.

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