Stadtleben

StreetArt verlässt die Straße

Ist StreetArt, die die Straße verlässt, um in die Museen einzuziehen, überhaupt noch StreetArt? Was früher als reine Sachbeschädigung zerstörungswütiger Jugendlicher galt, erzielt in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt stetig wachsende Preise. Kunstferne Junganwälte hängen sich die Kunstwerke gerne in ihre frisch eröffneten Kanzleien und beauftragen mitunter auch schon mal Restauratoren, die statt sich mit alten Mosaiken oder Klostergemälden zu beschäftigen, besprühten Putz aus Häuserwänden schneiden.
Die Modern Tate in London hat Ende Mai nun als erstes bedeutendes Museum den Trend aufgegiffen und eine riesige Freiluftausstellung gestartet. Sechs Street-Artisten durften die Fassade des ehemaligen Turbinenwerks am Themseufer nach ihren Vorstellungen verzieren. Tagelang arbeiteten die Künstler auf riesigen Hebebühnen.
Banksy, der Star der Szene, jedoch fehlte. Der Künstler, dessen Bildbände wahre Bestseller sind und zu dessen Verehrern auch Brad Pitt und Angelina Jolie gehören, schützt seine Identität wie ein Staatsgeheimnis und dies ist mit öffentlichem Arbeiten auf Hebebühnen nicht möglich.
Dafür hatte Bansky bereits zwei Wochen vor der Tate-Vernissage seine eigene Ausstellung organisiert. In einem dreckigen Tunnel unter der Waterloo-Station setzten dutzende Sprüher aus aller Welt ihre Schablonenbilder beim Cans Festival an die Wand.
Die StreetArt also auf dem Weg in die Museen, Galerien und sogar Wohnzimmer dieser Welt? Ist StreetArt denn dann überhaupt noch StreetArt?
Die Gefahr des Ausverkaufs besteht durchaus, denn inzwischen findet man sogar Hausbesitzer und Immobilienmakler, die sich an StreetArt erfreuen – so lange sie originell und witzig ist und nicht unnötig verstört. Gute Straßenkunst kann ganze Stadtviertel aufwerten und so regt sich in New York, der Brutstätte der Straßenkunst, bereits erster Widerstand aus den eigenen Reihen. So werden z.B. die in den Augen vieler viel zu artigen Kunstwerke von Faile und Swoon von sogenannten Splashern übermalt oder verfremdet und Galerie-Vernissagen auch mal mit Stinkbomben unterbrochen.
Doch vielleicht überholt sich das Problem demnächst sowieso schon von selbst. Denn offensichtlich ist es doch ein Missverständnis, dass man Straßenkunst kaufen und dann in mehr oder weniger enge Räume einsperren kann. Mitte Mai jedenfalls stand im New Yorker Auktionshaus Sotheby’s erstmals auch ein auf Leinwand gebanntes Kunstwerk von Bansky zur Versteigerung. Bis zu 800.000 Dollar hatte sich Auktionator Tobias Meyer für das Kunstwerk erhofft. Einzig – es fand sich kein Bieter, das Kunstwerk blieb unverkauft. Die ersten Kunstliebhaber scheinen also begriffen zu haben, trug der Bansky doch den vielsagenden Titel Sale ends today.

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