Stadtleben

Tanger

Marokko„Dangerous“, warnt der Taxifahrer vor Tangers Medina, der Altstadt zwischen dem Hafen, der alten Festung und dem quirligen Grand Socco, und schaut sorgenvoll, obwohl er seine Stadt eben noch von Südkorea mit der aberwitzigen Behauptung „Die haben Atomwaffen“ abgegrenzt hat.

Dagegen die Marokkaner: „We like all people.“ Südkorea war der größte Konkurrent Tangers um die Expo 2012, deren PR-Plakate bis zu diesem Frühjahr allgegenwärtig schienen im Stadtbild. Und das, obwohl das Expo-Komitee bereits letzten November für Südkorea entschieden hatte. Ein Schlag für Tanger, wollte die 700.000-Einwohner-Stadt mit der Weltausstellung doch die größte internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die ihr je zuteil geworden ist. Ein Projekt, für das Radio- und TV-Spots liefen, die Polizei neue Uniformen erhielt und Taxifahrer Englisch per Walkman büffelten.

Trotz der Niederlage, die Image­pflege geht weiter. Die Stadt will weg vom charmant-schmuddeligen Image einer verrufenen Hafenstadt, die Schriftsteller wie Paul Bowles und Tennessee Williams verklärt seufzen ließ. Wer heute die halbe Stunde vom winzigen Flughafen Tangier Ibn Batoua in die City fährt, passiert riesige Bauflächen mit Gerippen von erstaunlich europäisch anmutenden Wohnhäusern. König Mohammed VI. sorgt vor.

Und er lächelt. Sanft, ständig, überall, von Plakaten und in Zeitungen. Im Sommer 1999, nach dem Tod seines Vaters, König Hassan II., spekulierten Medien in aller Welt darüber, wieso der damals 35-Jährige, für das Land vollkommen untypisch in seinem Alter, noch nicht verheiratet sei. Ob er etwa – schwul sei? Das Gerücht hielt sich hartnäckig. König Mohammed VI. ließ sich fast drei Jahre Zeit bis zur Heirat, dann endlich verstummten die Gerüchte. Heute gilt er als Herrscher, der Marokko, dem Einfallstor auf den afrikanischen Kontinent, ein liberaleres Image verpasst: soziale Jugendarbeit, Gleichberechtigung.

MarokkoAuch Tanger profitiert von seiner vergleichsweise progressiven Handschrift. Schönsten Nervenkitzel verspricht die Medina mit dem zentralen Petit Socco, den zahllosen Büdchen und fliegenden Händlern. Sich zu verlaufen, gehört zum guten Ton. An den winzigen Kreuzungen der verwinkelten Gassen kann man sich nur an den Auslagen der kleinen Kaufnischen orientieren. Ein beliebter Trick, auf den viele Reisende reinfallen: Ein Schlepper beschwört Gefahren herauf – vor der Medina, vor Händlern, Verkehrsmitteln oder Hotels und will für einen kleinen Lotsendienst ein paar Münzen, die bei einem durchschnittlichen Einkommen von 4000 Dirham (400 Euro) monatlich lebenswichtig sind.


Urban dagegen, fast mondän, ist Tanger am protzigen Boulevard Pasteur. Hier ist die Ban­kenmeile, marokkanische Fahnen wehen, elegantes Business statt Medina-Gedränge, einen Steinwurf vom überdimensionalen Schaubild König Mohammeds VI. entfernt, der – natürlich lächelnd – den Boulevard zu bewachen scheint.

Direkt am Petit Socco, dem berüchtigten kleinen Markt in der Medina, der schon für Humphrey Bogart in „Casablanca“ die Kulisse gab, liegt die in den 1920er Jahren mondäne, heute liebevoll verschrobene Pension Mauritania. Sehr vergnüglich ist es, hier am frühen Abend Minztee zu trinken, drinnen läuft der allabendliche Fußball, die spanische Primera Divisiуn, und draußen rücken im Fünfminutentakt Gruppen meist betagter Touristen an, sekundiert von Schmuckhändlern und Nippesverkäufern, ehe sie in einem minutiös geplanten Rhythmus in einer der vielen Gassen ver­schwin­den.

Zuletzt schwärmte US-Schauspieler Matt Damon von Tanger. Bei den dortigen Dreharbeiten zu „The Bourne Ultimatum“ flüchtete er als Agent Jason Bourne über die Dächer, mit einem CIA-Killer im Rücken. Die Flucht gelang. Und vor Atomwaffen musste er auch keine Angst haben.

Text: Leo Wild

Info:

Anreise
Es gibt keine Direktflüge Berlin–Tanger, mit Umsteigen steuert Iberia die Destination regelmäßig an. Preiswert fliegt TUIfly von Köln/Bonn, das Ticket „Zug zum Flug“ von Berlin nach Köln/Bonn kostet 20 Euro je Strecke. Der Flughafen von Tanger liegt elf Kilometer auswärts (kein Bus), Taxi-Shuttle 100 bis 150 Dirham (ca. 10 bis 15 Euro).

Unterkunft
Beste Aussicht auf die Vielzahl spitzer Dächer bietet das Hostel Mamora in der Rue de Poste 19, Tel. 039-93 41 05. Die hinteren Zimmer versprechen eine unvergleichliche Sicht auf die Altstadt und den Hafen – und der Lautsprecher der Moschee ist direkt auf die schönsten Zimmer gerichtet. Die einfache Pension Mauritania liegt in der Rue des Chretiens 2, Tel. 039-93 46 77.

Tipps & Tricks

Für soziale Erlebnisse Sammeltaxi nutzen, Taxameter anschalten lassen. Wenn gefeilscht wird: 50 Prozent des Erstgebots sind ein schöner Erfolg – ob es um Keramiktöpfe geht, in denen sich vorzüglich Couscous zubereiten lässt, oder andere Mitbringsel wie Teppiche, Lederetuis und kleine Trommeln.

Weibliche Reisende
Touristinnen dürften sich im Fas­tenmonat Ramadan am wohlsten fühlen. Das liegt an der nächt-li­chen Straßenparty, die ausbricht, sobald die Muezzins am Abend vom Ende der täglichen Fastenzeit singen. Dann füllen sich die Straßen mit Massen feiernder Passanten – inklusive Marokkanerinnen, die außerhalb des Fastenmonats früh von den Straßen verschwinden.

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