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Eine brachliegende Tankstelle in Berlin wird zum Spot für ein Festival

Die Tankstelle ist ein Mythos des fossilen Zeitalters. In Berlin wird sie immer mehr zum interessanten Kulturort. An einer brachliegenden Tankstelle an der Sonnenallee gibt es nun am Samstag, 21. Mai, das Open-Air-Festival „Kultur.Tanken“ – mit viel Action, ob DJ-Set, Musik oder Show-Einlage.

An dieser ehemaligen Esso-Tankstelle soll sich am 21. Mai ein Open-Air-Festival ereignen. Foto: Amelie Stock

Der Reiz eines Mythos ist ja vor allem seine schillernde Überlieferungsgeschichte. Wer zum Beispiel die Ursprungslegende der Tankstelle ergründen will, dieses Heldenorts des fossilen Zeitalters, könnte eine Spritztour auf die Lohmühleninsel in Kreuzberg machen.

In den späten 20er-Jahren ist dort ein kleiner Bau errichtet worden, funktionalistisch, mit weißen Fassaden. Er gilt als  ältester erhaltener Tankstellen-Bau in Berlin.

Man könnte genauso gut in den Ostteil der Stadt fahren – an die Stargarder Straße in Prenzlauer Berg. Dort verorten andere Experten einen historischen Ort der Treibstoffversorgung für Pkws. Kutscher sollen an dieser Adresse nach der Jahrhundertwende einmal ihre Pferde mit Wasser versorgt haben; wenig später gluckerte dort angeblich eine Zapfsäule, um Kraftfahrzeuge mit Sprit zu versorgen. Wurde jedenfalls mal in der „Berliner Morgenpost“ kolportiert. Die Entstehung von Tankstellen in Berlin bietet somit genug Stoff für Legendenbildung. So wie in Berlin ja auch gerne die Datierungen der Stunde Null anderer stadtrelevanter Errungenschaften erörtert werden. Ob Currywurst oder Punk-Bewegung.

Einen Blick in die Geschichte der Autobahn und des Schnellverkehrs in Berlin werfen wir hier. Für die Gegenwart ist sowieso eine andere Frage wichtiger: Was passiert jetzt an diesen Stopps für Automobilisten?

In der Tankstelle auf der Lohmühleninsel erfreute zwischenzeitlich ein Restaurant das Publikum; die Zapfstelle wurde abgerissen, das darüberliegende Dach steht noch. Ein Palast der Investorenarchitektur findet sich hingegen an der Stargarder Straße, mit Wohn- und Gewerbeeinheiten.

Zweckentfremdete Tankstellen sind interessant wie nie

46.684 Tankstellen gab es 1969 noch in Westdeutschland. Im Jahr 2020, in der längst vereinten Republik, waren es nur noch 14.091. Die Quellen flüssigen Goldes, das in Raffinerien zubereitet worden ist, versiegen.

In Berlin vollzieht sich dieser Trend ebenfalls. Immer wieder machen Tankstellen dicht.

Die ehemalige Tankstelle im Kiez um den Teutoburger Platz in Mitte ist Ort für Experimente. Für die „Urban Art Week“ im Jahr 2019 hat sie von Künstlern ein knalliges Outfit verpasst bekommen. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Die jüngsten Nachnutzungen der einstigen Sehnsuchtsorte sind allerdings interessant wie nie. Da ist zum Beispiel das neue George-Grosz-Museum an der Schöneberger Bülowstraße: Dieses Kunsthaus, wo Werke des expressionistischen Malers versammelt sind, ist eigentlich eine stillgelegte Tanke im 50er-Jahre-Chic. Es gehört dem Galeristen Joerg Judin, der vorher sogar in der zweckentfremdeten Immobilie gelebt hat. Das ungewöhnliche Domizil war seinerzeit auf der Website „FreundeVonFreunden“ zu bewundern. Jenem Blog, der ein „Schöner Wohnen“-Katalog für Hipster ist.

Und eine heruntergerockte Esso-Tankstelle an der Sonnenallee, zuletzt von Unkraut angezehrt, behaust demnächst ein Open-Air-Festival. Ob Musikerinnen, DJ oder Performance-Act: Sie alle werden dort für Stimmung sorgen.

Die Tankstelle und die übliche Ruinenromantik

„Kultur.Tanken“ nennt sich die Party auf der Brache. Klingt ein bisschen nach Freizeitgestaltung in Städten wie Krefeld, wo die Menschen möglicherweise Jutetaschen mit der Aufschrift „Kulturbeutel“ tragen und abends Konzerte in der „Kulturfabrik“ besuchen. Die Ankündigungsprosa des Festivals ist wiederum getüncht in die übliche Berliner Ruinenromantik. Von „ungenutzten Leerständen“ und einem „temporären Kulturort“ ist die Rede.

Die restlichen Details sind stilecht: Es gibt eine Auf- und Abfahrt für die Besucher auf dem Gelände – Drive-In-Feeling wie in einem Roadmovie. Das club-kompatible Line-Up ist auf dem Preismast abgebildet. Jener Index, wo früher einmal großflächig die Liter-Beträge für Super, Benzin oder Diesel aus der Exxon-Mobile-Produktion angezeigt waren. Big Beat statt Big Oil.

Wer mehr über Aufstieg und Fall des ölverkaufenden Gewerbes erfahren möchte, hört sich am besten in nostalgischen Expertenkreisen um. In Deutschland gibt es ja Interessensgruppen wie den „Bundesverband Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche“ oder auch den artverwandten „Bundesverband Freie Tankstellen“.

Jenseits der Grenze, in der österreichischen Steiermark, amtiert sogar ein „Tankstellen-Papst“. So wird jedenfalls ein Fachmann mit überregionaler Expertise angepriesen – von einem hilfsbereiten Pressemann des „Tankstellen-Interessenverbands“, noch so einer Lobbygruppe aus dem Land von Rudolf Diesel und Carl Benz.

Helmut Eberhart, Ende 60, ist Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Graz. Er hat einmal mit Studierenden eine Ausstellung namens „Mythos Tankstelle“ entwickelt; sie rief ein ordentliches Medienecho hervor.

„Mittel- und langfristig wird am Sterben der herkömmlichen Tankstelle kein Weg vorbei führen“, lässt der Alltagsforscher die Totenglocke erklingen.

Nach der Ära der Tankstelle

Fest steht aber auch: Solange der Kapitalismus existiert, wird es noch Individualverkehr geben. Mit dem Auto als persönlichem Vehikel für grenzenlose Mobilität. Bloß ist ungeklärt, auf welche Weise in der postfossilen Ära die Pkws einmal angetrieben werden. Mit Batterien wie die E-Autos von Tesla? Oder doch mit Wasserstoff – wie andere Fortschritts-Gurus behaupten?

Die Unsicherheit unter den Dienstleistern – von Aral bis Total – ist groß. Da wird viel experimentiert, um auf die Anforderungen des Verkehrs von morgen vorbereitet zu sein, auch in Berlin. Es gibt mancherorts Tankstellen mit Ladesäulen für E-Autos; woanders wird noch mit der anbrechenden Epoche der erneuerbaren Energien gehadert. Manche Magnaten haben Annahmestellen für Pakete eingeführt – in Kooperation mit Lieferdiensten wie Amazon.

Helmut Eberhart, der Wissenschaftler, berichtet von weiteren Hybriden. In Salzburg gebe es eine Tankstelle mit Hundewaschsalon.

In diese ehemalige Schöneberger Tankstelle ist das neue George-Grosz-Museum eingezigen. Foto: Iris Braun

Die verwahrloste Tankstelle an der Sonnenallee, die einen Tag lang Open-Air-Location sein soll, wird wohl kein petrochemischer Ort mehr. Der Eigentümer des Grundstücks hat den Machern des Festivals, Studierenden der Kulturarbeit an der FH Potsdam, sein Areal als vorübergehende Spielwiese überlassen. So ist diese Adresse zum Symbol für den schwebenden Zustand während eines Epochenbruchs geworden.

Wer den süßlich-herben Geruch von Benzin vermisst, muss derweil den Geist der kulturellen Vergangenheit inhalieren. Mittels Biker-Romanzen wie „Easy Rider“, alten „Herbie“-Filme – oder  „Theo gegen den Rest der Welt“ mit dem jungen Marius Müller-Westernhagen als Fernfahrer, dessen Lkw gestohlen worden ist.

Heute ist derlei Existenzialismus kaum noch ein Thema in der Popkultur. Als Motor jugendlicher Rebellion haben Autos mit Brennstofftank ausgedient.

  • Kultur.Tanken Sonnenallee 9, Neukölln, Sa 21.5., 14–21.30 Uhr, kostenlos und barrierefrei, mehr Infos hier auf Instagram

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Nicht nur Tankstellen werden in Berlin übrigens zu Kultur-Locations zweckentfremdet, sondern auch andere ungewöhnliche Orte – zum Beispiel ein ehemaliger Luftschutzbunker in Charlottenburg. In Berlin gibt es übrigens Menschen, die für eine starke Reduzierung der Zahl von Autos im städtischen Straßenverkehr sind, etwa die Aktivisten der Initiative „Berlin autofrei“. Immer mehr Verkehrsteilnehmer wechseln unterdessen aufs Rad. Auf dem Sattel kann es allerdings ganz schön stressig werden, denn das urbane Straßengeflecht ist voll mit nervigen Situationen für Radfahrer. Was uns sonst bewegt, lest ihr in unserer Rubrik zum Berliner Stadtleben.