Stadtleben

Tape Scatching – The Lost Level Shit

Wir über 30-jährigen, die ihre Jugend vornehmlich in den Achtzigern und bis in die Mitte der Neunziger Jahre verbrachten, erinnern uns oftmals romantisierend an die wunderbare Zeit der Compact Cassette. Welcher Junge hat nicht für die Dame seines Herzens Mixtapes in liebevoller Kleinarbeit erstellt. Alles sollte perfekt sein: das Cover, die Schrift und – ganz besonders – die Auswahl der Lieder. Die Auswahl, die richtige Reihenfolge und die Stimmung der Lieder waren enorm wichtig, denn darin lag die kodifizierte Botschaft, die wir Pickelfressen nie im Leben über unsere Lippen gebracht hätten – die Botschaft der Liebe.
Bevor wir Kinder des Kohl-Dynastie in unsere verschwurbelte Andoleszenz stolperten, hatten wir natürlich auch schon Hörspielkassetten. Unsere Eltern wussten sehr wohl, dass sich dieses Medium langlebiger in den Händen ihrer Brut gestaltete, als das empfindliche Vinyl. Und Hand auf’s Herz: welcher echte Junge hat nicht einmal seinen kleinen, schmutzigen Zeigefinger rhythmisch auf die Antriebsnabe seines Kassettenrekorders gepresst, nachdem er vorsichtig die Schutzklappe abgebrochen hatte?

Dass man diese Technik perfektionieren, und zudem als eigenes Stilmittel in das HipHop-Universum integrieren kann, hat mir DJ Ramsey aus Scottsdale, Arizona auf meinem Lieblingssender „YouTube“ gezeigt. Leichthändig verbindet er beide Welten: die nahezu unkaputtbare Kassettensammlung der Kindheit und die experimentierfreudige Phase der Jugend. Allerdings bekommt hier das Wort „Mixtape“ eine ganz andere Bedeutung, da es bei Ramsey seine ursprüngliche Funktion verliert. Er „mixt die Tapes“. Wo Vinyljunkies noch zwei 1210er zuhause stehen haben, die aktuelle Kultur maximal mit „Final Scratch“ und Laptop den einst elektromechanischen Prozess emuliert, schlägt DJ Ramsey in eine fast vergessene Kerbe der Mediengeschichte: Scratching und Mixing mit zwei Kassettenrekordern und einem Numarkmixer.

Auch in Berlin sieht man ja immer wieder hippe Neopunks mit einem Kassettenprint auf dem Shirt oder der Tasche, die retrospektive „Tape Culture“ wird seit einigen Jahren auch in unserer Stadt kultiviert. Aber das „Tape Scratching“ hat in Berlin wohl noch nicht Fuß gefasst (wer mich eines besseren belehren kann, bitte melden ;)) Cool.

Neugierig geworden? Check: http://www.youtube.com/watch?v=088AWsTtTFU

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