Stadtleben

Taxifahrer

Als ich neulich im Taxi saß, erzählte mir der Fahrer von einem grausamen Unfall, der sich in der Nähe des Lehrter Bahnhofs zugetragen habe. Ein Auto habe sich dort mehrmals überschlagen und sei anschließend völlig zerstört auf dem Dach liegen geblieben. Die Menschen, die im Auto saßen, seien eingeklemmt gewesen und gerade in dem Moment, als die Feuerwehr mit schwerem Räumgerät anrückte, sei der Wagen in Flammen aufgegangen. Ein Feuerball, sagte mein Taxifahrer, und dass ihm die Bilder seitdem nicht mehr aus dem Kopf gingen. „Wann war denn der Unfall“, fragte ich. „So ungefähr vor 30 Jahren“, sagte der Taxifahrer.

Ich fragte mich, warum mir dieser Fahrer eine so alte Horrorgeschichte auftischte? Warum auch ich diese schrecklichen Bilder nun nicht mehr aus dem Kopf bekommen soll – und eigentlich wusste ich die Antwort schon, weil ich schon lange in Berlin Taxi fahre. Die Taxifahrer erzählen einfach den ganzen Tag Horrorgeschichten, weil in ihren Augen eh alles beschissen ist: Die Unfälle, die Baustellen, der Verkehr, Wowereit, die Touristen, die anderen Taxifahrer, die Radfahrer, die Fußgänger, das Wetter. Am beschissensten aber ist ihr Job.
Ich weiß nicht, wie oft ich schon gehört habe, dass es zu viel Taxifahrer in Berlin gibt. Dass sie alle zu wenig Geld verdienen. Dass sie den ganzen Tag für 20 Euro durch die Stadt gurken. Dass es früher besser war. Was würden diese Taxifahrer sagen, wenn man sie als Fahrgast die ganze Strecke zunölt. Als Journalist zum Beispiel über die Medienkrise klagt, über niedrige Zeilenlöhne, anstrengende Recherchen. Ich
erinnere mich an ein Stück von Monty Python, wo sich die Schauspieler gegenseitig mit Schauergeschichten über ihr trauriges Dasein übertrumpften. Zuletzt erzählte einer, dass er mit seiner zehnköpfigen Familie in einem Gulli wohnt und 25 Stunden am Tag arbeitet. So sind Berliner Taxifahrer.

Mitleid habe ich keins. Denn immer, wenn ich ein Taxi benötige, ist seltsamerweise keins da. Als ich mal ganz am Ende der Heerstraße stand, wo es schon grün wird, und dringend ein Taxi brauchte, ließ mich eine Frauenstimme nach endlosen Minuten in einer Warteschleife wissen, dass kein Taxi zu mir käme. Zu weit. Und dann auch noch Feiertag.
Geduld braucht man auch am Flughafen Tegel. Die Taxen parken nicht vor den einzelnen Gates, sondern nur an einer einzigen Stelle, damit man das Gepäck möglichst weit schleppen muss. So gibt es dann immer zwei Schlangen – eine mit genervten Fahrgästen und eine mit genervten Taxifahrern. Wenn man angesichts dieses Unsinns weiter hinten zusteigt, wird man ga­rantiert vom Fahrer belehrt, dass er sich strafbar macht, wenn er einen jetzt nicht sofort rausschmeißt und von der Taxi-Innung mit einem Arbeitsverbot belegt wird. Man sehnt sich angesichts dieser Mischung aus Kleingeist und Dienstleistungs-Sabotage nach den Zeiten zurück, in denen in den Taxis noch mit der RAF sympathisierende Germanistikstudenten saßen und Geschichten von ihrem Nicaragua-Urlaub erzählten.
Ach ja: Nehmen Sie Kleingeld mit. Der 50-Euro-Schein kann in einem Berliner Taxi quasi nie gewechselt werden.

Foto: Rainer Sturm/Pixelio

Mehr über Cookies erfahren