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Teil 2: Berlin Charlottenburg: Alter Glanz und neue Größe

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Zurück in die Zukunft. Im Westen ist wieder Gründerzeit

Und der Erneuerungsboom rund um die Gedächtniskirche ist ja erst der Anfang. Auch für das Gebiet zwischen der Rückseite des Bahnhofs Zoo und dem Landwehrkanal an der Müller-Breslau-Straße gibt es hochfahrende Pläne. Auf 120 000 Quadratmetern soll hier ein Wohn- und Geschäftskomplex mit 179-Meter-Turm in der Mitte entstehen. Downtown Charlottenburg. Wobei, nur zur Erinnerung: Auf dem Gelände sollte auch schon mal ein gigantisches Riesenrad aufgestellt werden. Was als Lachnummer endete. Es geht nicht immer gut, wenn Berlin Weltstadt spielen will. Auch als Einkaufsmetropole, glaubt Anja Langensiepen vom Waldorf Astoria, müsse sich die Hauptstadt erst noch etablieren. „Wir sind nicht Paris oder London.“ Und die begüterte Kundschaft, die unter anderem aus den USA, Asien und den arabischen Ländern erwartet wird, reise auch nicht nach Berlin, um sich bei guten Ärzten durchchecken zu lassen. Dafür stünden eher München und Hamburg.

Schon optimistischer, was den Appeal der City West betrifft, gibt sich Gottfried Kupsch von der AG City – ein Zusammenschluss von Einzelhändlern, Privatunternehmern, Kaufhäusern. Die AG hat jüngst die Aktion „We kehr for you – den ganzen Tag“ ins Leben gerufen. Was bedeutet: Anrainer zahlen aus eigener Tasche für Sonderschichten der BSR. Auf dass der Bezirk blitze! Kupsch liebt seinen Kiez. „Die gesamte Verkaufsfläche der Friedrichstraße passt ins KaDeWe!“, frohlockt er. Und fragt: „Kennen Sie den Uhrenladen Chopin? Der Anteil chinesischer Kunden liegt dort mittlerweile bei über 40 Prozent!“ Und wo wir von Kaufkraft sprechen: Am Tauentzien geht es nach jüngsten Studien auf die magische Mietmarke von 300 Euro pro Quadratmeter und Monat für Laden¬geschäfte im Erdgeschoss zu. Das schaffen tatsächlich nur Metropolen.

Es gab auch andere Zeiten

Zwischen Mitte der 90er- und Mitte der 2000er-Jahre schlossen in der City West „rund 300 Geschäfte pro Jahr“. Das erzählt Dirk Spender, der mit seinem Planungsbüro dem Regionalmanagement City West angehört. Eine von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung geförderte Maßnahme, die den Standort wirtschaftlich nach vorn bringen soll. Spender und seine Kollegen versuchen das unter anderem mit der Aktion „Designmeile Kantstraße“. Ein jährliches Fest, bei dem sich die Gewerbetreibenden rund um die Kantstraße präsentieren und vernetzen. Mitmachen darf jeder, „solange er nicht nur eine Würstchenbude betreibt“. Das Regionalmanagement hat auch das Projekt „Eine Perlenkette aus Licht“ angestoßen, mit dem Spenden gesammelt werden, um die eher schummrigen Bahnbrücken des Bezirks von Künstlern illuminieren zu lassen.

Leuchte, Charlottenburg, leuchte!

Spender sagt, was viele glauben: In Berlin zieht die Karawane der Trendsetter im Uhrzeigersinn weiter. „Von Prenzlauer Berg über Friedrichshain nach Nordneukölln. Und jetzt über Schöneberg nach Charlottenburg.“ Fakt ist: Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wird hipper. Untrügliches Indiz: die Rückkehr der Galerien. In der Schaperstraße betreiben David Lieske und Peter Kersten seit Dezember 2012 die angesagte Mathew Gallery. Nicht nur die Vernissagen, auch die anschließenden Feiern in der nahen Harlekin-Bar sind bereits legendär. Lieske schwärmt: „Charlottenburg-Wilmersdorf bedeutet für uns Unabhängigkeit und Exzentrik in einem. Wir sind begeistert von unseren Nachbarn.“ Bald bekommt die Charlottenburger Kunstszene noch prominenten Zuwachs. Nachdem in Mitte über 70 Standorte erfolglos geprüft wurden – und weil ganz offensichtlich der politische Wille fehlte, sie zu halten – haben sich die Betreiber der C|O-Galerie entschlossen, in den Westen zu ziehen. Ins Amerikahaus nahe dem Bahnhof Zoo. Den neuen Standort nennt C|O-Sprecher Mirko Nowak zwar „gewöhnungsbedürftig“. Aber sie haben dort sogar mehr Ausstellungsfläche als im Postfuhramt in Mitte. Und können ihrem Konzept treu bleiben, „Alt und Neu zu verbinden“. Rohe Bausubstanz trifft moderne Ausstellungsarchitektur. Nowak sagt, man müsse abwarten, ob die Besucher mitzögen. Glaubt aber auch: „Jeder Stadtteil hat seine Zeit.“

Charlottenburg-53Cooles Charlottenburg. Junges Charlottenburg? Das Stadtbild jedenfalls prägen die Hipster und Nachwuchskreativen hier nicht. Obwohl es durchaus Unis gibt wie die TU oder die UdK. Obwohl Anfang April in den Wilmersdorfer Arcaden ein Laden wie Urban Cool eröffnen wird, den der umtriebige Möbeldesigner Swen Alwardt mit seinen Mitstreitern als „eine Mischung zwischen Laden, Ausstellungsraum, Club mit DJ-Auftritten und Lounge“ konzipiert hat. „Der Westen lockt derzeit ja bekanntlich sehr“, sagt Alwardt vorfreudig. Auf der jugendlichen Seite steht auch die  Schaubühne am Lehniner Platz, die das gesichtsjüngste Publikum unter den großen Theatern hat. Erst kürzlich wieder zu beobachten. „Der terroristische Tanzsalon“ steht auf dem Programm, ein munterer Performance-Abend, fast nur studentische Zuschauer. Zwischen RAF-Pamphlet und Castro-Rede fragt einer der Schauspieler: „Gibt’s eigentlich das ‚Existenzialisten-Frühstück‘ im Schwarzen Cafй noch? Ein Kaffee und eine Gauloise.“ Gute Frage. Nein, gibt’s nicht mehr. Dafür hat das Cafй an der Kantstraße noch immer 24 Stunden geöffnet. Hier ging man in den 80ern schon hin, erinnert sich Regionalmanagement-Mann Spender nostalgisch, „wenn die Disco zumachte“. Das Publikum an einem normalen Dienstagnachmittag: gemischter, als es sich eine Sozialinitiative ausdenken könnte. Junge, Alte, Schwule, Künstler, Bürger, Touristen. Friedlich vereint.

Die Kantstraße rauf, weit rauf, dann nach links, Richtung S-Bahn. Die Bierwurst „Kustanaiskaja“ kostet hier 75 Cent. Den Joghurt mit Karamellsirup „Rjaschenka“ gibt’s für einen Euro. Das Sortiment hält Kekse mit Namen „Kälbchen“, die scharfe georgische Soße „Kobra“ und reichlich Wodka-Sorten parat. Es ist nicht viel los am Nachmittag im russischen Supermarkt Rossia im S-Bahnhof Charlottenburg, nur eine ältere Russin mit ihrem lederbejackten Sohn schiebt sich durch die Gänge. Willkommen in Charlottengrad. Der Bezirk – kein Klischee – hat auch ein russisches Gesicht. Im Einstein an der Schlüterstraße, am George-Grosz-Platz, überhaupt rund um den Ku’damm hört man an manchen Tagen mehr Russisch als Deutsch. Wobei sich die gefühlte Übermacht der Ostler im Westen mit Zahlen eher nicht erhärten lässt. Rund 2,5 Prozent der Käufer beim Immobilienmakler Ziegert, selbst in Charlottenburg ansässig, waren 2012 Russen. Zwar die größte Gruppe aus dem Ausland neben den Schweizern. Aber eben bei Weitem nicht das Gros. Was sich dagegen feststellen lässt: Die Preise in Charlottenburg-Wilmersdorf steigen. Eine „Immobilienwende am Ku’damm“ rief jüngst das „Handelsblatt“ aus. Prompt hat auch der irische Investor Ballymore wieder Morgenluft gewittert. Und nach Fehlschlägen mal wieder neue Pläne des Architekten Chipperfield für den Umbau des Ku’damm-Karrees präsentiert. Diesmal mit viel Platz für Wohnungen. Ziegert-Pressesprecher Andrй Schlüter prognostiziert, dass in ein oder zwei Jahren für Eigentum in der City West Spitzenpreise von 7 500 Euro pro Quadratmeter erreicht werden könnten. In Toplagen wie der Uhlandstraße. Die Mieten ziehen kräftig mit. Im nördlichen Ku’damm¬bereich sind 15 Euro netto, kalt schon Standard.

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