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Teil 2: Berlin entscheidet über das Tempelhofer Feld

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Wowereits Vertrauensfrage

Es sind aber gerade keine guten Zeiten für Vertrauensfragen an die SPD. Klaus Wowereits Beliebtheitswerte liegen im Keller. Wegen des BER-Desasters. Speziell in Tempelhof ist da aber auch der Streit um die geplante Zentral- und Landesbibliothek, bei der der eine Siegerentwurf anmutet, als sei Stanley Kubricks Monolith aus „2001“ ein paar Nummern größer runtergekommen.

Dass der Landesrechnungshof die Wirtschaftlichkeitsprüfung des 270-Millionen-Euro-plus-x-Projektes in der Luft zerrissen hat und beim Koalitionspartner CDU auch keine Begeisterung für Wowereits Lieblingsprojekt aufkommen will, macht die Sache nur noch schlimmer. So ist das Prinzip der Initiative ebenso einfach wie effektiv: Was die vom Senat nicht festschreiben, machen die nicht. Oder wir glauben es nicht. Punkt.

Eine Absichtserklärung für 850 günstige Wohnungen? Dann ist der Rest der 4?700 geplanten Wohnungen eben das Luxusviertel. Mit Nettokaltmieten „ab 14 Euro aufwärts“. Im Senatsgesetz steht ja nichts, was dagegen spricht. Es ist, als würde sich das wichtigste sozialdemokratische Projekt dieser Legislaturperiode, der neue Wohnungsbau, ausgerechnet an seiner herausragendsten Zukunftsbaustelle in heiße Luft auflösen.

So erlebt man in Podiumsdiskussionen der letzten Wochen einen zunehmend verbitterten Senator Müller wie Anfang Mai in der Urania, auf den Tag genau vier Jahre nach der Öffnung des Feldes als Park. Direkt neben ihm saß Michael Schneidewind, Stadtplaner und Vorstand der Bürgeriniative. Wenn sich beide überhaupt mal eines Blicks würdigen, dann ist er stockfinster.

Zum Beispiel, als Schneidewind von Müller wissen will, wieso der Senat keine Wirtschaftlichkeitsprüfung für seine Baupläne vorlegt und dann von 400 Millionen Euro für die Vorbereitung und Entwicklung der Baufelder spricht. Müller: „Ich dachte, wir würden keine Zahlen vorlegen.“
Schneidewind: „Die sind ja auch nicht öffentlich.“ Die Zahlen stammen in der Tat aus einem internen Arbeitspapier der Tempelhof Projektgesellschaft von 2010.

Müller: „Wo haben Sie sie dann her?“ Schneidewind: „In der Straßenbahn gefunden.“ In diesem Moment kann man an Müller diese Geste beobachten, die man derzeit öfter bei ihm sieht. Zusammengepresste Lippen, demonstratives Kopfschütteln, starrer Blick gen Himmel. Als hätte er gerade den größten Unfug unter der Sonne gehört. Und als könnte er immer noch nicht fassen, wie ihm, wie dem Senat die Dinge entglitten sind. Vielleicht erklärt das auch manche seltsame Entscheidung in seinem Haus. Wieso Müller zum Beispiel den vielerorts geschätzten Staatssekretär Ephraim Gothe ohne Vorwarnung durch den ehemaligen Leipziger Baustadtrat Engelbert Lütke-Daldrup ersetzte. Oder weshalb er als Koordinator für das Tempelhofer Feld mit Holger Lippmann ausgerechnet den Ex-Chef des Liegenschaftsfonds einsetzte, der sich durch Grundstücksprivatisierungen hervorgetan hatte.

Einmal aber sagt Müller an diesem Abend in der Urania leise: „Wir haben dit ooch nicht erfunden, dass immer jeder sich mitgenommen fühlt.“ Der Masterplan wäre doch schon mehrfach korrigiert worden. So sei das Columbia-Quartier im Norden auf Eis gelegt worden.
Das Problem war nur: Zur Disposition stand der Masterplan für Müller bislang nie. Das fällt ihm jetzt auf die Füße.

Feld Hase und Gunter Gabriel

Egal wie der Volksentscheid am 25. Mai ausgeht: Es ist ein großer Tag für die Initiative 100 % Tempelhof. Eine überaus heterogene Gruppe mit Treffpunkt im Schillerkiez, die von den Parteien im Abgeordnetenhaus kaum jemand ernst nahm, als sie sich im September 2011 zusammenfand. Eine Gruppe, deren Führungspersonal mehr oder minder freiwillig öfter wechselte und der das Kunststück gelang, ohne die offene Unterstützung einer einzigen Partei 185?000 Stimmen für den Erhalt des Tempelhofer Feldes zu sammeln. Das Misstrauen gegen den Senat zu bündeln. Die Schwachstellen der Planung aufzuzeigen. Die vermeintliche Alternativlosigkeit des Masterplans zu zerlegen. Immer mehr Mitstreiter anzuziehen.

Mitstreiter wie den 37-jährigen freien Gestalter Sven-Norman Bommes, der mit Freundin und Kind in Neukölln wohnt, Animationsfilme macht und als Facebook-Spaßmacher „Feld Hase“ durch die sozialen Netzwerke geistert. Er laufe ständig herum, erzählt er, setze Leuten eine Hasenmaske aus Pappe auf. „Ich bin Feldhase, weil …“ Und dann eine Ergänzung. Etwa: „… weil dem Senat bei seiner Planung für das Tempelhofer Feld die Weitsicht fehlt.“

„Ich versuche jeden Tag ein neues Motiv zu machen“, sagt Bommes. Er habe noch eine Liste mit 40 noch unrealisierten Motiven. „Leider ist der Volksentscheid schon am 25. Mai, da schaffe ich nicht mehr alle.“ Bommes ist kein Mitglied der Initiative. Er möchte beweglich bleiben. Ein lustiger, freier Radikaler sozusagen.

Neulich hat er mit Freunden Gunter Gabriel am Tempelhofer Feld gefilmt. Gabriel sang sein altes Lied für die Offenhaltung des Flughafens neu an: „Hände weg vom Wiesenmeer, Ihr versaut doch schon den BER.“ Das hat Bommes getextet. Für Gunter Gabriel, den Haudegen. Und für das Tempelhofer Feld.

Ein Sandkasten für Populisten

Eine beachtlich bizarre Eigenart des Kampfes um das Tempelhofer Feld ist, dass beide Lager sich gegenseitig da-rin überbieten, dem jeweils anderen die Symbole wegzunehmen. Das hat was von Sandkastenmentalität unter Kleinkindern: Machst du meine Burg platt, mach ich deine Burg platt.

Drei kurze Beispiele:

  • Die SPD plakatiert: „Für 100 % Berlin“. Bei der Initiative 100 % Tempelhof ist das Credo nicht so der Renner.
  • In einem Briefvordruck, den man sich aus dem Netz ausdrucken und den Nachbarn in die Briefkästen stecken soll, wird um ein „Ja“ zum Gesetz der Initiative mit der Begründung geworben, „einen Stillstand auf dem Feld – verursacht durch die geplante Randbebauung – zu vermeiden“. Stillstand, das ist eigentlich der Vorwurf des Senats an die Initiative. Egoismus übrigens auch.
  • Das Aktionsbündnis Tempelhofer Feld für alle, deren 19 Partner, darunter öffentliche Wohnungsbauunternehmen, Industrie- und Handelskammer oder Landessportbund, den Senatsentwurf unterstützen, macht sich auf seinem Flyer nicht nur den „Freiraum“-Anspruch der Feldaktivisten zu eigen. „Tempelhof für alle“ war eine Initiative aus dem Schillerkiez. Mit der IHK hatte die rein gar nichts am Hut.

 

Da geht vieles drunter und drüber. Und in die Irre. Das vielleicht Absurdeste an dem Volksentscheid ist, dass die Parteien, die die Initiative unterstützen, mit der Ablehnung jeglicher Bauaktivitäten ein Ergebnis bekommen würden, das sie eigentlich nicht wollen. Bei den Grünen kann man dieses Dilemma besonders eindrucksvoll besichtigen. Die sind für eine Bebauung. Nur nicht nach Müllers Masterplan. Deshalb stimmen sie gegen jede Bebauung. Jedes Gesetz könne man ändern. Auch das gegen jegliche Bebauung. Wenn das mal kein großer politischer Irrtum ist.

So bleibt die Hoffnung vieler Akteure, dass der Volksentscheid nicht das Ende der Debatte ist, sondern eine Zäsur. Denn wo sollte man in Berlin neue Wege der Partizipation entwickeln, wie sie die Grünen, die Piraten vorgeschlagen haben, wenn nicht hier? Echte Mitbestimmung. Ergebnisoffen. Gemeinsam entscheiden, die Entscheidungen begleiten. Ein gemeinsames Projekt. Wo, wenn nicht hier?
Auf dem Feld der Träume.

Text: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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