Stadtleben

Teil 2: Das Kreuzberger Zentrum wird 40

Neues-Zenrum-Kreuzberg-Neues-Zenrum-Kreuzberg-Neues_Zentrum_Kreuzberg_Block_2_c_LeaNaganoDas NKZ steht seit Kindesbeinen in bester Tradition der Berliner Skandalbauten. Als der Komplex  1974 fertiggestellt wird, ist er bereits hoffnungslos verschuldet. Die Kosten sind explodiert, die Läden bleiben weitgehend unvermietet. Was damals an Krediten und Aufwandsdarlehen aufgehäuft wurde, ist bis heute nicht getilgt. Noch immer müssen jährlich rund 1,3 Millionen Euro an die Investitionsbank Berlin abgeführt werden. Die vollständige Rückzahlung „werde ich bis zu meinem Ruhestand nicht mehr erleben“, sagt Andrea Schindler.

Angeschoben wurde der Bau Ende der 60er von einer Kommandit­gesellschaft. Um die 500 westdeutsche Ärzte und Rechtsanwälte versprechen sich davon nicht zuletzt satte Steuervergünstigungen. Es locken Investitionszulagen nach dem Berlinförderungsgesetz und eine Abschreibequote von 200 Prozent. Am Ende entsteht ein Pleite-Moloch, der jahrzehntelang vor sich hin verwahrlost.

Die Wiege des Neoliberalismus

„Damals beginnt der Neoliberalismus“, ist Dirk Cieslak überzeugt. Der Künstler betreibt das Denklabor Vierte Welt in einer ehemaligen Arztpraxis auf der Galerie des Zentrums Kreuzberg. „Es ist das erste privat organisierte Wohnbauprojekt dieser Dimension.“ Im Grunde nichts anderes als „ein Riesensubventionsprojekt für die gehobene Mittelklasse Westdeutschlands“, so Cieslak. Hätte der Staat den Sozialbau selbst gestemmt, hätte er wohl nur die Hälfte gekostet. In der Vierten Welt haben sie einen performativen Rundgang durch das labyrinthisch verwinkelte Zentrum unter dem Titel „Block“ aufgezogen. Ein Blick zurück in die Zukunft. Das NKZ war Teil einer städtebaulichen Vision für Berlin. Der Peak der Fortschrittsmoderne, wie der Steglitzer Kreisel oder die Siedlungen in Marzahn. Gleich hinter dem halbkreisförmigen Gebäude am Kottbusser Tor sollte die Tangente der Stadtautobahn verlaufen, freie Fahrt für freie Berliner. „Die letzte Utopie des Westens“, sagt Cieslak, „waren diese Bauten.“ 

Heute leben hier Menschen aus 12 Nationen. Man hätte gedacht, es seien weit mehr. Türken, Araber, Kroaten, Serben, Polen, Bulgaren, Spanier, Schweden, Thailänder, Perser, Amerikaner und, nicht zu vergessen, Deutsche. Wie viele es genau sind, kann auch die Hausverwaltung nur schätzen, um die 1?300 wohl. Ebenfalls über den Daumen gepeilt sind rund 40 Prozent von ihnen Leistungsempfänger. Schindler spricht gern von „unserem Dorf in der Stadt“. Klar, kein Dorf ohne Trottel. Fäkalien im Flur, Müllsäcke vor dem Schlucker, Randalepartys der Kids. Nein, das Haus ist nicht problemfrei. Vor allem, weil die Drogenszene am Kottbusser Tor ja weiterhin existiert. Dass sich Junkies in den Fluren des verwinkelten Gebäudes einen Schuss setzen oder Alkis in die Ecken pinkeln, kommt vor. Aber in der Vergangenheit war die Lage schlimmer. So schlimm, dass der berüchtigte Ex-CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky noch 1998 forderte, man müsse „den Mut haben, das Neue Kreuzberger Zentrum zu sprengen“. Weg mit der Kriminalitäts-Hochburg! Als Projektionsfläche für Law-and-Order-Fantasien war der Bau immer ein dankbarer Bezug.

Mieter mit starken Nerven

Monika Barthelmeß wohnt im 8. Stock, Aufgang A. Von ihrer Küche aus blickt man nach Norden, zu Füßen das Rote Rathaus, der Alex, ein ziemlich beeindruckendes Panorama. „Wer hat schon den Wowi vor der Tür?“, lacht sie. Die gelernte Drogistin zählt zu den 45 verbliebenen Mietern der ersten Tage, sie lebt seit 1977 in ihrer 76-Quadratmeter-Wohnung, für die sie heute 711 Euro zahlt. Barthelmeß war lange im Mieterbeirat und im Quartiersmanagement aktiv, sie kennt das Haus und den Kiez in allen Zuständen. Anfangs chic und neu, mit Vorgärten und kleinem Italiener, „noch sehr familiär“. Später dann finsterer.

„Ick werd Ihnen mal ’ne Geschichte erzählen, wie aus ’nem Krimi“, verspricht die Urberlinerin. Liegt schon zurück, der Sohn war noch klein, da fand sie eines Tages in einem Geländer der Balustraden ein Bündel Hunderter, D-Mark noch. Schon stand ein türkischer oder arabischer Mann vor ihr, weiß man ja nicht so genau, öffnete den Mantel, um die beeindruckende Schusswaffe zu zeigen und forderte: „Gib Geld sofort her.“ Die 70-Jährige schüttelt den Kopf. „So böse war’s hier auch schon.“

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Ja, sie hat zwischendurch überlegt wegzuziehen. Schon aus Angst, die Kinder könnten in schlechte Kreise geraten. Ist aber gut gegangen. Und über die Nachbarschaft kann Barthelmeß heute nicht klagen. Neben ihr wohnt eine nette türkische Familie, die sich kümmert, die gleich nach ihr gefragt hat, als sie krank war. Okay, manches zerrt nach wie vor an den Nerven. Die Zustände am Kotti. Oder das Hostel vor dem Haus. „Ich will ja nichts sagen, meine Tochter lebt in Amerika, aber die Amis, mein lieber Gott, können die feiern!“

Am Ende kommen die Touristen

„Wer hier lebt, darf nicht zimperlich sein“, fasst Andrea Schindler die Lage zusammen. Aber es geht aufwärts, schrittweise. Begonnen hat es Ende der 90er-Jahre, als der Wirtschafsanwalt Peter Ackermann die Geschäftsführung der Kommanditgesellschaft übernahm. „Der kam mit Ideen: Wie können wir das Haus verbessern?“, erzählt Celaletten Aktürk, 55 Jahre alt und Mieter seit 1981. Er führt den zur Skalitzer Straße gelegenen Imbiss Misir Carsisi, Türkische Pizza und Grillhaus. Bis zum vergangenen Jahr hat er außerdem den Schülerladen SchaTzbetrieben, sein Herzensprojekt. Er zählt zu den Mietern, die sich engagieren. Die glauben, dass man sein Lebensumfeld selbst gestalten muss.
Nach Jahren des „Instandsetzungs-Rückstaus“ ist jetzt endlich Geld für Modernisierungsmaßnahmen vorhanden. Unter anderem für die Fassadensanierung. Fraglich, ob die Bausünde am Kottbusser Tor je ihr Gesicht verändert. Aber sie bekommt einen frischen Putz. Aktürk ist überzeugt: „Da werden auch die Touristen staunen – was für ein schönes Haus.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Lea Nagrano (Seite 1 Mitte), Seite 2 oben)

Vierte Welt Galerie 1. OG, Adalbertstraße 96, Vorstellungen: „BLOCK – this home was once a house“, 24., 29., 30. + 31. Mai, 19.30 Uhr

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