Stadtleben

Teil 2: DDR-Designsammlung in Spandau

Notizbuch_Erich_John_c_Hannah_BauhoffDie Idee zu dem Forschungsprojekt hatte sie, als sie vor sieben Jahren an ihrer Diplomarbeit im Fach Produktdesign an der Kunsthochschule Weißensee saß. Sie recherchierte zu der Frage, welche Auswirkungen die Veränderungen der Gesellschaft auf die Gestaltung der Kücheneinrichtung im vergangenen Jahrhundert hatten. Material über DDR-Küchen konnte sie nicht finden. „Diese Lücke hat mich interessiert“, sagt sie. Das Thema ließ sie nicht mehr los: Wo waren die einstigen Designer der DDR? Wo waren ihre Objekte? Und warum sind ihre Gestaltungskonzepte vergessen? Sie machte sich auf die Suche. Aber nicht aus nostalgischen Gründen: „Heute bestimmt Ressourcenmangel die Gestaltung. Wie damals in der DDR, wenn auch aus anderen Gründen“, sagt Bauhoff. „Aber dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir aus den Strategien der DDR-Designer etwas lernen können.“ Mitstreiter für ihr Projekt waren schnell gefunden, in dem Team von anschlaege.de, ehemalige Kommilitonen. Dann wurde es kompliziert: Die Kunsthochschule Weißensee, so Bauhoff, habe zunächst ihre Unterstützung zugesagt, diese Zusage dann aber ohne Angabe von Gründen rückgängig gemacht. Stiftungen wiesen ihre Anträge zurück, sie seien zu spät mit ihrem Vorhaben, hieß es. „Das Thema ist vielen einfach zu heikel“, vermutet Bauhoff. Schließlich sagte die Berliner Stiftung Industrie- und Alltagskultur zu.

„Die in Weißensee wollten nach der Wende mit den ostdeutschen Designern nichts zu tun haben“, sagt Erich John. 1953 wurde an der Kunsthochschule Weißensee der Studiengang Industriedesign eingeführt. Erich John gehörte 1958 zu den ersten vier Diplomanten. Er, seine Kommilitonen und ihre Nachfolger sind die Schöpfer hinter den Gegenständen in der Halle in Spandau. Weißensee war in der DDR die erste Adresse für die universitäre Ausbildung zum Industriedesigner, zum Formgestalter, wie es damals hieß. Eine Ausbildung, die international anerkannt war. So wurde Erich John, seit Ende der 60er-Jahre Dozent in Weißensee, 1982 als Gastprofessor für Industrial Design an die Ohio State University berufen. 1992 seien alle Professoren der Kunsthochschule Weißensee entlassen worden, so John. „Aber wir konnten uns über die Ferien wieder bewerben. Da ich über 60 Jahre alt war, ging ich in den Vorruhestand. Das erwartete man auch von uns älteren Dozenten. Es gab viel Streit damals.“ Frei gewordene Stellen wurden mit westdeutschen Bewerbern besetzt.  

Die Zurückhaltung gegenüber der Produktgestaltung in der DDR ist nicht ganz unbegründet. Wie die Produkte auszusehen hatten, bestimmte der Staat. Und dass die Designer unbekannt sind und waren, liegt zuallererst in dem Status begründet, den Designer in der DDR hatten: Sie waren als Gestalter in den Betrieben fest angestellt und sollten das, was von oben vorgegeben war, erfüllen. Als Schöpfer der Objekte blieben sie anonym. Unkreativ und in keiner Weise innovativ sei dieses von oben gelenkte ostdeutsches Design gewesen, ein Vorurteil, das man in wissenschaftlichen Publikationen nachlesen kann. Im „Design Lexikon Deutschland“ findet sich kein Eintrag zum Thema DDR-Design. Wenn Günter Höhne das hört, dann schüttelt er ein ums andere Mal den Kopf. Er versucht seit 20 Jahren, den Ost-Produkten einen angemessenen Platz in der deutschen Design-Geschichte zu geben. Höhne sitzt in seiner Altbauwohnung im Prenzlauer Berg, umgeben von Objekten aus vier Jahrzehnten DDR-Produktgestaltung: Geschirr, Regale, Sessel und Tische. In seinem Wohnzimmer stehen Heli-Lautsprecher von 1988 und eine Sternradio-Stereoanlage, beides funktioniert noch. Wie zum Beweis dreht Höhne die Anlage laut auf. „Sogar die Fernbedienung habe ich noch“, sagt er. Günter Höhne ist Sammler und Liebhaber, aber er ist kein Ostalgiker. Er will ganz einfach, wie Bauhoff, die DDR-Designer vor dem Vergessen bewahren. Er will, dass sie die Anerkennung bekommen, die sie seiner Meinung nach verdienen.

DDR_Design-4_c_Oliver_WolffDenn ostdeutsches Design ist mehr als nur das Ergebnis einer gelenkten Produktgestaltung. So wurde ostdeutsches Design vor allem in den 70er- und 80er-Jahren in den Westen exportiert und auch teils nur für den Westen produziert. Um die Herkunft zu vertuschen, bekamen die Produkte westdeutsche Schilder. Das Ikea-Prinzip der Regalsysteme, das gab es im ehemaligen Osten schon in den 50er-Jahren. Nicht zuletzt die Regalwand in Höhnes Wohnung ist der Beweis. Nicht immer sah es bei ihm wie in einem Design-Museum aus. Weil die „Sammlung Industrielle Gestaltung“ kein Interesse an einer umfassenden Aufarbeitung zeigte und ja auch bis heute die Ost-Produkte nicht als Designobjekte anerkennt, zog Höhne mit seiner Frau über die Flohmärkte und fragte bei ehemaligen ostdeutschen Designern an. Unter dem Dach hat er sich ein Lager und eine Werkstatt eingerichtet. Dort repariert und archiviert er die Gegenstände seit etwa zehn Jahren. Günter Höhne und Hannah Bauhoff sind mit ihrer Perspektive auf die ostdeutsche Produktgestaltung nicht allein. Auch Florian Hufnagl von der Neuen Sammlung München, der Leiter des ältesten Designmuseums der Welt, hat ein großes Interesse an den Gegenständen in der Halle in Spandau. Als Designobjekte. „Für mich gibt es kein DDR-Design“, sagt er. „Für mich gibt es nur deutsches Design, und da gehört das der DDR dazu.“

Da die Archivierung in der Halle in Spandau nur schleppend vorankommt, haben sich Günter Höhne und Florian Hufnagl über eine Zusammenarbeit verständigt. „Wenn die Neue Sammlung München die Sachen aus meiner Wohnung mitnimmt, dann kommt hier Ikea rein“, sagt Höhne und lacht. Sind die DDR-Produkte in einem Designmuseum untergebracht, dann hat er für sich ein großes Ziel erreicht. Auch Hannah Bauhoff und ihr Team stehen kurz vorm Ziel: Im kommenden Jahr werden sie ihr Forschungsprojekt „überholt und unerreicht. Design im Spannungsfeld von Ökologie und Ökonomie“ beenden. Die Filmaufnahmen der Designer, ihre Geschichten und ihre Gestaltungskonzepte wollen sie noch bis Ende des Jahres online stellen. 2012 planen sie außerdem eine zweisprachige Publikation. Währenddessen arbeiten Johanna Sänger und ihre Mitarbeiter weiter an der Archivierung der Objekte in Spandau. Für Erich John und andere bleibt die Hoffnung, dass weitere Gegenstände, die sie einst entworfen haben, nach und nach auftauchen und irgendwann ihren Namen tragen.

Text: Katharina Wagner

Fotos: Hannah Bauhoff, Foto unten: Oliver Wolff

Überholt und Unerreicht
www.ueberholt-und-unerreicht.de, www.anschlaege.de

Günter Höhne
www.industrieform-ddr.de

Stfitung Haus der Geschichte
www.hdg.de

1 | 2 | zurück

Mehr über Cookies erfahren