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Teil 2: Gewalt in Berlins Wohnungslosen-Einrichtungen

bami7Wohnungslose rufen keine 110
Jens Schobranski ist Sprecher der Bundespolizei in Berlin und auch selbst regelmäßig an den Bahnhöfen im Einsatz. Am Zoo attackierte kürzlich ein Unbekannter spätabends einen anderen Besucher der Bahnhofsmission. Die Waffe bekam er frisch serviert: Er schüttete dem anderen eine Tasse heißen Tee, die er soeben erhalten hatte, ins Gesicht. Dann packte der Angreifer einen anderen Besucher an der Kehle, bedrohte ihn mit einem Messer. Er floh mit einem für diese Einrichtung eher ungewöhnlichem Fahrzeug: einem Taxi. Nur wenige Stunden vorher hatte ein 36-jähriger Pole am Ostbahnhof einen Landsmann die Faust ins Gesicht geschlagen. Der Polizeibericht schreibt lapidar: „Eine Atemalkoholmessung bei dem wegen diverser Delikte polizeibekannten Mann ergab 3,25 Promille. Er befand sich trotz des offensichtlich intensiven Alkoholkonsums in einem Zustand, in dem er keinerlei Ausfallerscheinungen zeigte.“

Polizeihauptkommissar Schobranski glaubt jedoch, dass der Höhepunkt der Gewalt zumindest rund um die Bahnhöfe bereits überschritten sei. „Die Zahlen bei den Körperverletzungen sind am Zoo und am Ostbahnhof zumindest rückläufig“, sagt er. 101 Fälle waren es rund um den Zoo vor drei Jahren, 2011 noch 93 und im letzten Jahr 81. Dieses Jahr wurden die Bundespolizisten bislang 41 Mal gerufen. Am Ostbahnhof ist die Tendenz ähnlich. Doch viele Vorfälle dürften gar nicht erst zur Anzeige kommen. „Die meisten Fälle betreffen Wohnungslose untereinander“, sagt Dieter Pohl von der Bahnhofsmission am Zoo. „Da ruft keiner die 110.“

Jenseits jeder Statistik wächst bei den Helfern die Hilflosigkeit. Zuletzt wurde das Thema Ende September auf einer gemeinsamen Tagung der Wohnungslosenhilfe-Einrichtungen behandelt. „Es herrscht derzeit eine große Unsicherheit“, sagt Sozialarbeiterin Christina Arndt-Dinkel, die die Charlottenburger Notübernachtung des Drogennotdienstes in der Fasanenstraße leitet. Eine Stunde lang referierte sie an diesem Septembertag bei dem Treffen der AG Leben mit Obdachlosen vor 30 Mitarbeitern von Tagescafйs und Übernachtungseinrichtungen  zum Thema „Gewalt in der niedrigschwelligen Obdachlosenarbeit“ und gab Tipps, wie sich Einrichtungen schützen können.

Das Unrecht des Stärkeren

„Das ist sicher nicht das vorherrschende Thema unserer Arbeit“, schränkt Christina Arndt-Dinkel ein, „aber man kann beispielsweise beobachten, dass Gewalt in einigen anderen Ländern einen anderen Hintergrund hat. Speziell in Osteuropa gibt es da auch Schwerpunkte. Das schwappt zu uns rüber.“ Dazu käme, dass Menschen, die auf der Straße leben, oft aus Elternhäusern mit Gewaltkontext kommen. Viele sind schwer traumatisiert oder kommen aus Kriegsgebieten nach Berlin. So ergeben sich häufig klassische Täter-Opfer-Konstellationen. Auch in ihrer Einrichtung mit mehr als 20 Plätzen gibt es einschlägige Erfahrungen. „Es gab einige unliebsame Vorkommnisse, auf die wir reagieren mussten!“ Seitdem wird die Leiterin misstrauisch, wenn größere Gruppen gleicher Nationalität um Hilfe suchen.

Als Gegenmaßnahmen vertraut Christina Arndt-Dinkel auf ein festes Regelwerk, die generelle Arbeit in Zweierteams und den Einsatz von Sprachmittlern. „Man braucht Kernregeln, die man dieser Parallelwelt Straße entgegensetzt“, sagt sie. Außerdem seien alle Besucher angehalten, deutsch zu sprechen, damit sich alle verstehen und keine Missverständnisse aufkommen. Und auch hier würden beim Drogennotdienst alle Mitarbeiter in Konfliktmanagement geschult. Seit Jahren nutze man dazu spezielle Kurse der Berliner Polizei. Denn Gewalt entstehe auch durch unsichere Betreuer, die nicht wissen, wie sie gefährliche Situationen entschärfen sollen, sagt Christina Arndt-Dinkel.

Auch sie kreidet die fehlenden Angebote für ausländische Hilfesuchende an: „Vor allem der Umgang mit Kranken ist generell ein Problem. Da mangelt es an allen Ecken, dass einem das Herz schwer wird.“ Am Ende ist sich die Sozialpädagogin jedoch sicher: „Auch diese Menschen werden lernen, dass hier nicht das Recht des Stärkeren gilt.“

Text: Björn Trautwein

Fotos: DAVIDS / Sven Darmer( Seite 1), Stephanie Lehmann

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