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Teil 2: Junge Arbeitsmigranten in Berlin

Wirtschafts_Fluechtlinge_DvB„Fest steht jedoch, dass die Zahl der Griechen, Spanier und Italiener, die erst seit Kurzem in Berlin leben und Sozialleistungen beziehen, verschwindend gering ist. Die meisten jungen Leute schlagen sich selber durch oder haben sich vor ihrem Umzug nach Berlin bereits um Arbeit und Wohnraum gekümmert. Diese Menschen tauchen in unseren Statistiken gar nicht auf.“ Ein großer Teil dieser nicht erfassten Menschen sind Vertreter der Generation 2.0. Sie sind nicht nur weltweit im Internet mitei­nander vernetzt, sondern viele von ihnen sind auch in der IT-Branche tätig und begegnen der Krise mit Eigeninitiative. Über soziale Netzwerke oder Jobportale suchen diese Südeuropäer nach Arbeit und Perspektiven im Ausland. Fast keiner von ihnen geht den Weg über das Arbeitsamt. „Ich kenne eigentlich keinen Programmierer oder Web Deve­loper, der über das Arbeitsamt vermittelt wurde“, sagt etwa der Berliner Robin Mehner, ein selbstständiger Unternehmer in der IT-Branche. „Auch Deutschkenntnisse sind in diesem Bereich nicht unbedingt notwendig, um hier arbeiten zu können, denn Berlin ist so international, dass sowieso alle englisch miteinander sprechen.“

Robin Mehner kennt die internationale IT-Szene in Berlin, verkehrt oft im Co-Working-Büro co.up in Kreuzberg. In dieses Gemeinschaftsbüro, in dem man sich für wenig Geld temporär einen Schreibtisch mit Internetanschluss mieten kann, kommen Frei­berufler, die nicht mehr alleine nur von zu Hause aus, sondern im Kontakt zu Kollegen und anderen Freelancern arbeiten wollen. Nicht zuletzt, weil die hier entstandenen Kontakte das persönliche Netzwerk erweitern, was auch zu neuen Jobs führen kann. So bekam auch Luis da Silva über ein ­Co-Working-Büro seinen jetzigen Job. Der 29-jährige Programmierer aus Madrid arbeitet bereits seit einem Jahr für ein internationales Unternehmen in Berlin. Für ihn war der Wechsel in die deutsche Hauptstadt eine „bewusste Entscheidung“. Er hatte sich über den deutschen Arbeitsmarkt und den Standort Berlin gründlich informiert, bevor er den Entschluss fasste, Spanien zu verlassen. Jetzt genießt er die Vorzüge der Stadt. „Die Mieten sind erschwinglich und man kann auch mal essen gehen, ohne gleich ein Vermögen ausgeben zu müssen.“ Obwohl in seiner Firma alle englisch sprechen, hat er vor seinem Umzug einen Deutschkurs gemacht. Da Silva wundert sich über die vielen Neuankömmlinge, die ohne Sprachkenntnisse in Berlin ihr Glück versuchen. „Ich muss mich doch verständigen können und mich auf das neue Leben vorbereiten, wenn ich im Ausland arbeiten möchte. Ich finde es sehr naiv zu glauben, man könne hier einfach aufschlagen und findet sofort einen Job und eine Wohnung. So einfach ist es eben nicht.“

Dennoch reißt der Strom der Zuwanderungswilligen nicht ab und im Süden Europas bereiten sich immer mehr Menschen auf eine Auswanderung nach Deutschland vor. Das Interesse an Deutschkursen ist laut der Buchungsstatistiken beim Goethe-Institut jedenfalls dramatisch gestiegen: In Spanien verzeichnete man in den letzten drei Jahren um 72 Prozent angestiegene Kursbuchungen, in Portugal um 61 Prozent, in Italien um 38 Prozent, und in Griechenland wollen 23 Prozent mehr Menschen beim Goethe-Institut Deutsch lernen. Auf den anhaltenden Trend hat das Goethe-Institut mit dem Lernprogramm „Mit Deutsch in den Beruf“ reagiert. Das Angebot richtet sich speziell an junge Menschen in Südeuropa, die Deutsch für den Berufsalltag lernen wollen. Doch auch diejenigen, die in ihrer Heimat noch keinen Deutschkurs besucht haben, landen früher oder später in einer der zahlreichen Sprachschulen Berlins. „Viele von ihnen merken schnell, dass der Erwerb der Sprache unerlässlich ist, um sich hier zurechtzufinden und ein unabhängiges Leben führen zu können“, weiß Halina Pustelnik von der Deutsch Akademie am Alexanderplatz, die Deutschkurse für Ausländer anbietet. Auch Demetrios Nikopolidis hat inzwischen erkannt, dass er zur Verwirklichung seines Traumes, als Schreiner in Berlin zu arbeiten, Deutsch können muss. Auch wenn er noch nicht weiß, wie er einen Kurs bezahlen soll.

Text: Dina Herrler

Fotos: David von Becker

Einwanderung aus ­Südeuropa gestern und heute
In den 50er- und 60er-Jahren ­waren es vor allem griechische, ita­lienische, aber auch spanische ­Einwanderer, die vor der hohen Arbeitslosigkeit in ihren Heimatländern flohen und als sogenannte Gastarbeiter die unter Arbeits­kräftemangel leidende deutsche Wirtschaft unterstützten. Doch während damals vor allem ungelernte Hilfskräfte nach Deutschland einwanderten, hat sich inzwischen, sechzig Jahre später, das Profil der Arbeitssuchenden aus Südeuropa stark gewandelt: Viele haben in der Bundesrepublik gesuchte Berufe gelernt, weshalb die Einwanderung von deutscher Seite auch als Chance gesehen wird, dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen und gleich­zeitig Erwerbsmöglichkeiten für Bürger dieser krisengeschüttelten EU-­Länder zu schaffen. Im Unterschied zu den Anfangsjahren der großen Anwerbewelle von Gast­arbeitern, in denen es seitens der Bundes­regierung, aber auch der Arbeit­geber praktisch keinerlei Unterstützung in Sachen Integra­tion gab, existieren inzwischen Förderkonzepte wie etwa Integra­tionskurse, die beim Erwerb der deutschen Sprache helfen, die die Einwanderer aber auch bei der ­Orientierung in der deutschen ­Gesellschaft unterstützen sollen. Einen Überblick über diverse ­Integrationsfördermöglichkeiten bekommt man auf der Homepage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ­unter
www.bamf.de.

INFORMATION UND ADRESSEN

Berlin für Griechen:

Deutsch-griechischer Kulturverein Exantas Grebenhainer Weg 13?a, Wittenau, Tel. 402 94 79 u. 21 47 67 63, www.exantas.de

Hellenische Gemeinde zu Berlin e.?V. Mittelstraße 33, Steglitz, Tel. 792 95 87 u. 79 74 57 99, www.gr-gemeinde.de

Berlin für Spanier:

Cafe Colectivo Cafй und Begegnungsstätte, Gärtnerstraße 15, Friedrichshain, Tel. 25 93 39 95, www.cafecolectivo.com

Spanische Webportale für Berlin  http://berlinenespanol.net, http://berlunes.com

Berlin für Italiener
:

Deutsch-italienischer Kulturverein malaparte e.?V. 

Infopaket für Zuwanderer
Eine erste Orientierung für ausländische Zuwanderer bietet das 90-seitige Info-Paket „Willkommen in Berlin“, das in acht Sprachen erhältlich ist. Die Publikation, die auch als PDF auf der Webseite der Integrationsbeauftragten heruntergeladen werden kann, informiert z. B. über Wohnungssuche, Arbeitsmöglichkeiten, Bildungsangebote, Gesundheits­vorsorge oder Hilfen für Familien. Beauftragter des Senats von Berlin für Integration und Migration, Potsdamer Straße 65, Tiergarten, Telefon: 9017-23 51, www.berlin.de/lb/intmig/publikationen/willkommen/index.html

Jugendmigrationsdienst (JMD)
Der Jugendmigrationsdienst berät Jugendliche und junge Erwachsene von 12 bis 27 Jahren, die aus dem Ausland nach Berlin eingewandert sind, zu den Themen Sprachkurs, Aus­bildungs- oder Arbeitsplatz, Aufenthaltsrecht oder bei persönlichen Problemen. Die Beratung ist vertraulich, kostenlos und unabhängig. Die Diakonie bietet aber auch Informa­tionen für erwachsene Einwanderer und für Familien. Jugendmigrationsdienst, Haus der Begegnung, Morusstraße 18 a, Neukölln,
Tel. 68 24 77 55, http://www.diakonie-­integrationshilfe.de/sis-leistungen/beratung/jugendmigrationsdienst.html

Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen
Die Senatsverwaltung bietet neben den ­Leistungen der Sozialdienste auch eine ­Beratung in unterschiedlichen Sprachen. Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen, Oranienstraße 106, Kreuzberg, Tel. 9028-0, www.berlin.de/sen/aif/

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