• Stadtleben
  • Teil 2: Stonewall oder CSD? Um die Berliner Parade ist ein Streit entbrannt

Stadtleben

Teil 2: Stonewall oder CSD? Um die Berliner Parade ist ein Streit entbrannt

Herr Ehrlich, was ist denn für Sie so schlimm am Namen Stonewall?

Ehrlich: Wollen wir in einer Stadt, die international sowieso schon mit der Mauer verbunden wird, neue Mauern aufbauen? Die Berliner wollen ja auch immer etwas Besonderes sein. Der Berliner CSD hat zwar bundesweite Ausstrahlung, aber bleibt für viele der typisch Berliner CSD.
Kastl: Christopher Street Day ist als Begriff nur in Deutschland gebräuchlich, international heißt das Ganze „Pride“.

Warum dann nicht auch in Berlin?
Kastl: Seit 2009 verwenden wir international den Begriff „Pride“, das hat niemanden interessiert. Vom CSD wird erwartet, dass wir jedes Jahr die ganze Community mit verschiedensten Ansätzen mitnehmen. Das geht gar nicht. Die Vorstellungen sind teils so diametral auseinander. Der CSD ist übrigens aus einem Streit heraus geboren, als die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA) und das SchwulenZentrum (SchwuZ) mal wieder miteinander gestritten haben.

Streit gehört beim CSD also zur Tradition?
Kastl: Ja. Die meisten E-Mails überhaupt haben wir 2012 bekommen, als wir die Route geändert haben. Ein Aufschrei aus dem Schöneberger Kiez: „Wie könnt ihr den Nollendorfplatz weglassen? Ich habe doch das Sekt-Frühstück schon gebucht!“ Jahrelang wurden wir dafür kritisiert, dass wir nicht durch Kreuzberg und Neukölln liefen. Jetzt tun wir es, und dann schreit das andere Ende der Community. Wir werden immer Leute vor den Kopf stoßen, weil es leider nicht anders geht.

Die Community hat so viel erreicht in den letzten Jahren. Weshalb zerfleischen Sie sich derart wegen eines kleinen Details?  Dass die Außenwirkung dieses Streits verheerend ist, können Sie ja nicht abstreiten.
Ehrlich: Ich habe ja auch Freunde, die nicht queer sind, angefangen bei meinen Eltern. Alle fragen sich: „Was ist denn da eigentlich bei euch los? Ihr habt doch ein gemeinsames Ziel!“ Man kann natürlich Effekte erhaschen, Schlagzeilen in der Zeitung. Aber welche Wirkung hat das auf die Community und andere Mitbürgerinnen und Mitbürger? Hätte man alles noch einmal überprüft und wäre dann gemeinsam nächstes Jahr mit Überzeugungskraft rangegangen, hätten die Leute gesehen: Die sind noch zu was fähig!
Kastl: Die Berliner Aids-Hilfe hat einen Skandal provoziert, indem sie ihren Austritt aus dem Verein per Pressemitteilung erklärt hat. Das ist nicht die feine englische Art. Wer im Glashaus sitzt, braucht nicht mit Steinen werfen!

Die Folge des Streits ist nun, dass es am 21. Juni neben der vom Verein organisierten offziellen Parade eine zweite Parade gibt, die obendrein fast denselben Namen hat.
Ehrlich: Das ist keine Parade, sondern eine Demonstration vom Aktionsbündnis CSD.

Das Aktionsbündnis, in dem Sie, Herr Ehrlich, Mitglied sind, hat sich kürzlich als Gegenpart zum CSD-Verein gegründet …
Ehrlich: Es gibt aber auch an anderen Tagen verschiedene Veranstaltungen zum gleichen Thema. Jeder wird für sich in Anspruch nehmen, für alle zu reden.
Kastl: Das tun wir nicht!

Die Stonewall CSD Parade des Vereins startet um 12.30 Uhr am Kurfürstendamm, der CSD Berlin 2014 vom Aktionsbündnis um 12.30 Uhr vor der ugandischen Botschaft. Den Unterschied kapiert doch kein Mensch!
Ehrlich: Gleiches würde passieren, wenn man sich anschaut, wie viele Theater es in Berlin mit gleichzeitigen Vorstellungen gibt.
Wenn zwei Theater exakt zur selben Zeit „Romeo und Julia“ aufführen, würde man sich aber schon sehr wundern.
Kastl: Dann gibt’s in einem Theater vielleicht eine progressive, im anderen eine klassische Inszenierung.

Aber noch mal: Aus welchem Grund müssen Parade und Demonstration nicht nur sehr ähnlich heißen, sondern zeitgleich starten?
Kastl: Schon lange gibt es auch den CSD auf der Spree, seit letztem Jahr auch den Dyke March, also unterschiedlichste CSD-Aktivitäten. Wir wollen da kein Monopol haben. Uns geht es auch darum, wie man Aktionen rund um den CSD herum befeuern und befruchten kann. Es müssen nicht alle zur Parade kommen.
Ehrlich: Der CSD-Verein wollte ja back to the roots. Genau das ist jetzt passiert, weil die Community gesehen hat, dass hier ein paar einzelne Mitglieder eines Vereins Entschlüsse fassen, ohne uns als Community mitzunehmen. Deshalb sind die Leute vom Aktionsbündnis beim Verein ausgestiegen.

Und dieses Bündnis organisiert nun eine Gegenveranstaltung zur offiziellen Parade?
Ehrlich: Nein, sondern sie führen die Veranstaltung zu ihren Wurzeln zurück. Das, was der CSD-Verein beansprucht, will das Aktionsbündnis auch: die politische Botschaft stärken.
Kastl: Das ist Ihre Interpretation von „back to the roots“. Wir wollen doch nicht in die 70er-Jahre zurück!
Darf die Parade keinen Spaß mehr machen?
BEIDE: Doch!
Ehrlich: Wird sie auch. Die Berliner sind aufgerufen zuzuschauen, alles ist räumlich dicht beieinander. Wir sagen: Guckt euch beides an! Schade, dass in die Diskussion überhaupt Aggressivität reingekommen ist.

Herr Ehrlich, was müsste passieren, damit die Berliner Aids-Hilfe wieder in den Verein eintritt?
Ehrlich: Man müsste das Stonewall-Konzept breit diskutieren. Aber es wird schwierig. Im September haben wir eine Mitgliederversammlung, auf der wir gucken werden, wie es weitergeht.
Kastl: Und wir als CSD-Verein werden uns am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homophobie, an allen Aktion beteiligen – bei Maneo mit „I kiss kiss Berlin“, bei der LSVD-Kundgebung und der Enough-is-enough-Demo. Und am CSD wollen wir auch, dass viele Leute zur Demo
des Aktionsbündnisses gehen. Wir können ja gar nicht alle Plätze gleichzeitig bespielen.

Interview: Erik Heier & Stefan Hochgesand

Der CSD in Berlin

1972, Münster: erste große Demo für die Anerkennung von Schwulen und Lesben. 1979, Berlin: Zum ersten Christopher Street Day, zehn Jahre nach den Stonewall Riots, ziehen 450 Lesben und Schwule vom Savignyplatz aus über den Kurfürstendamm Richtung Halensee. 1997 bildet erstmals der „Transgeniale CSD“ das politischere Gegenstück zur großen Parade, der einige Aktivisten ihren zunehmend unpolitischen Party-Charakter vorwerfen. Beim 35. Berliner CSD-Umzug im vergangenen Jahr ist rund eine Million Menschen auf der Straße.

1 | 2 | zurück

Mehr über Cookies erfahren