• Stadtleben
  • 12 Typen auf dem Tempelhofer Feld, die wir lieben – und hassen

Berlin verstehen

12 Typen auf dem Tempelhofer Feld, die wir lieben – und hassen

Die FDP hatte das Tempelhofer Feld zuletzt als ungenutzte Brachfläche abgetan. Eine grandiose Fehleinschätzung. Das „Feld“, wie die Wissenden es liebevoll nennen, ist so viel mehr. Es ist Flaniermeile, Rennstrecke, Liegewiese. War es schon immer Sammelsurium absurder Trendsportarten, ist es durch teilweise Neuasphaltierung und Pandemie endgültig zu Deutschlands schillerndstem Sunset Strip geworden. Grauschwarz, grün und braun könnten bunter kaum sein.

TODO
Tempelhofer Feld am Abend – Foto: imago images/Zeitz

Das Naherholungsgebiet zwischen Neukölln und Kreuzberg ist Spielplatz einer Stadt, die es mit Terminen genauso genau nimmt wie die Maikäfer, die zuverlässig ab Juli die Gäste des Tempelhofer Feldes erheitern. Der Besuch lohnt sich ohnehin zu jeder Jahreszeit, schon allein wegen der verschiedenen Bewohner*innen und Besucher*innen. Wir stellen euch 12 Feld-Typen vor, die ihr eigentlich immer trefft. Ob ihr wollt oder nicht.


Brutzler*innen

TODO
Grillkultur auf dem Tempelhofer Feld: derzeit eingeschränkt. Foto: imago images/Zeitz

Jede*r weiß, wo sich die echten Kerle (bitte geschlechtsübergreifend, aber möglichst archaisch denken) finden. Nicht auf dem Skateplaza, weit gefehlt. Natürlich auf der Grillwiese. Machen Kontaktbeschränkungen nicht gerade einen Strich durch den Supermarktbon, finden sich ab 16 Grad und freiem Himmel kaum noch grüne Flecken hier. Nicht nur, weil Einweggrills nachhaltig den Boden schwärzen – einfach, weil das eigentlich großzügige Areal unter der schieren Masse an Kohleverbrennern kaum noch sichtbar ist.

An guten Tagen kommt das Feld so auf einen ähnlichen C02-Ausstoß wie das Kohlekraftwerk in Rheinsberg. Hier wächst zusammen, was sich im Alltag reibt. Die einen schwören auf Bratwürste, Nackensteaks und Rechtsrock, andere auf Merguez, Köfte und Hähnchenspieß. Wenns am Spiritus fehlt, hilft man hier bereitwillig auch konfessionsübergreifend aus. Nur die Fraktion der Champignons und Gemüsespieße wird gemeinhin belächelt. Und wer noch Fragen hat: Was in Berlin beim Grillen erlaubt ist und was nicht.


Fliegende Händler*innen

TODO
Straßenhandel: Auch schon bei der Loveparade. Foto: imago images/PEMAX 

Das Bier ging doch etwas zu schnell runter? Außer Bier noch nichts im Magen? Jetzt bräuchte es ein Erinnerungsfoto, aber der Akku ist leer? Wie jede (Strand-)Promenade, die etwas auf sich hält, dürfen auch hier die Glücksritter nicht fehlen. Wahlweise warmes und gekühltes Bier, die omnipräsenten Samosas, Polaroids, Rosen, Kaffeespezialitäten, hin und wieder gar Rauschmittel. Alles gibt’s hier, mal mehr, mal weniger seriös, mal sympathisch, mal penetrant.


Sportler*innen

TODO
Obacht: Sport ist eine ernsthafte Angelegenheit. Foto: imago images/Shotshop 

Bestzeiten, Streckenrekorde, Muskelmasse. Wer sagt, hier ginge es nur um Spaß? Hier wird gekämpft. Gegen all die Verliebten, Verträumten, Entschleunigten. Mit sich selbst. Fettverbrennung, nicht nur auf der Grillwiese. Ob auf Rennrad, zu Fuß, mit Gewichten, mit Eigengewicht, jede*r von ihnen verfolgt ein persönliches Ziel. Die einen brauchen Kilos, die anderen wollen sie loswerden. Wehe den Hobbytypen, die sie ausbremsen – alles was zählt, ist der Halbmarathon. Man braucht ja schließlich Ziele im Leben, auch wenns hier keine Zielgerade gibt.


Musiker*innen

TODO
Streitthema Gitarre. Nirvana ist halt auch nicht so schwer. Foto: imago images/agefotostock

Musik im öffentlichen Raum, klassisches Reizthema. In der Bahn? Manch ein lautmalerisches „Hit the Road Jack“ grenzt an Körperverletzung! Transitorte wie die Warschauer Str. sind ein Thema für sich, aber die Menschenmassen von Schaulustigen bilden sich stets zum falschen Zeitpunkt um die falschen Menschen, die einem aus Abflussrohren gebauten Didgeridoo die absonderlichsten Töne entlocken.

Und niemand erfreut sich an den immergleichen ersten fünf Akkorden diverser Nirvana-Songs, außer die Person mit der ungestimmten Akustikgitarre. Auf dem Tempelhofer Feld finden sich alle, selbst Saxofonisten und angehende Trompeterinnen. Hier gibt es keine kläglich klimpernden Pappbecher, und kein Ton überbietet die eigenen Kopfhörer. Der Soundclash vergeht in der Weite – noch ein Grund gegen eine Bebauung; sobald die ersten Anwohner*innen sich wegen Ruhestörung melden, muss der Rest der Stadt wieder beim Üben zuhören.


Drachenläufer*innen

TODO
Drachensteigen auf dem Feld, halb Idyll, halb Bedrohung. Foto: imago images/ZUMA Wire

Drachen, ein Spaß für Jung und Alt. Klein, groß, grau, bunt, statisch, Runden schwingend. Manche lassen sich gar von ihnen umherziehen, siehe Longboarder*innen. Allzu arglos sollte man diesem Treiben gegenüber nicht sein. Mal weht eine Person davon, wenn der Wind zu stark ist. Und mal wird man selbst Opfer eines deutschen Drohnenangriffs, wenn die Halter*innen ihr Gerät nicht im Griff haben. Ohne Frage aber einer der besten Orte zum Drachensteigen.


Longboarder*innen

TODO
Surfen, Tanzen, Fliegen – Alles per Longboard. Foto: imago images/Zeitz

Wer sich im Stadtbild gewundert hat, wozu Longboards eigentlich gut sind, wundert sich hier noch mehr – die relative Sinnlosigkeit bekommt hier gleich vielerlei Sinn, ihrer Sperrigkeit ist genug Raum geschenkt. Es wird getänzelt, gecarvt, gepusht. Den Upgrades sind keine Grenzen gesetzt. Trockenwindsurfen, Trockenkitesurfen, Trockenkayak, die Welle wird sich kurzum dazugedacht. Hin und wieder hört man doch etwas, mit dem Zischen eines überforderten Elektromotors kündigt sich Unheil an. Auf der motorisierten Version eines Longboards stehen zumeist Salzsäulen, die in der überdimensionierten Carrerabahn ihres Geistes zum ferngesteuerten Gefährt geworden sind.


Monowheeler

TODO
Die Zukunft hat ein Rad ab. Foto: imago images/Zeitz

Es leuchtet und blinkt, hat ein Nummernschild und sieht eher drollig denn wirklich futuristisch aus. Monowheels sind das Ergebnis, wenn man Star-Wars-Ästhetik mit Segways und Einrädern kombiniert. Ob sie einer massiven Midlifecrisis des entwerfenden Ingenieurs (so etwas kann nur ein Mann entwerfen) entsprungen sind, ist unklar. Klarer ist, dass sie ausnahmslos von Männern gefahren werden, die ein Ventil für ihre Midlifecrisis suchen. Serienmäßig: sich je nach Sonneneinstrahlung selbst abdunkelnde Brillengläser, randlos. Alternativ schnittige Speed Shades, auch nach Sonnenuntergang. Optional: Helm, Ellenbogen- und Knieprotektoren, bei manchen geht die Rüstung Richtung Exoskelett. Die Funktionskleidung ist so tech wie der R2D2 zwischen den Beinen und der Beruf: Meist in der Dämmerung versammelt sich Berlins IT-Branche auf dem Tempelhofer Feld, unterwandert von einigen wenigen Unternehmensberatern.


Soul Surfer

Wem gehört das Tempelhofer Feld? In den letzten Jahren wäre der Schlüssel vermutlich Grilldaddys oder Longboarder*innen verschiedenster Ausprägung übergeben worden. Im Jahr 2020 ist alles anders, der Rollschuh regiert. Unbestreitbare Königin ist Oumi Janta, besser bekannt als „Roller Girl from Berlin“. Dass Rollschuhe aller Formen plötzlich (wieder) beliebt sind, ist vor allem ihren viral gegangenen Jam-Skate-Videos auf dem frischen Feld-Asphalt zu verdanken. Es fühlt sich wie eine weibliche Konterrevolution zur Grillwiese an – an manchen Tagen ist nicht der Grün- sondern der Schwarzstreifen überbevölkert. Tipp an Männer: Die Midlifecrisis lässt sich auf Rollschuhen weitaus günstiger und mit deutlich mehr Funk überstehen als auf Monowheels, manch ein Soulsurfer machts bereits vor. Etwas Rhythmus brauchts aber schon. Wobei, nevermind: Am End kommen sonst plötzlich Rollerskates mit Elektroantrieb auf den Markt.


Skateboarder*innen

TODO
Skateboarder in ihrem natürlichen Lebensraum. Foto: imago images / Stefan Zeitz

Skateboarder*innen liegen vermutlich irgendwo zwischen Trends setzenden Übermenschen und klischeebeladenen Berufsjugendlichen. Im Gegensatz zu Longboarder*innen hört man sie von weitem: die Rollen laut, das Schnalzen des Bretts noch lauter. Wenn sie abspringen, das Knallen eines misslungenen Fliptricks noch lauter. Das Geschrei, wenn etwas nicht gelingt, am lautesten. Eigentlich nehmen sie sich selbst ebenso ernst wie die Sportler, versuchen über sich hinauszuwachsen und, schwierig, dabei gleichzeitig Spaß zu haben. Sie sind geschundene Seelen, die nur schnell noch etwas Feierabend genießen wollen, nur schnell noch den einen Trick eintüten möchten. Oder zwischen Eistee, Brötchen und Kräuterquark den Tag mit nichts anderem verbracht haben.

Dabei ständig im Weg: Radfahrer*innen, Fußgänger*innen, Menschen auf Rollern und Rollschuhen, Menschen, die sich dort setzen, wo man gerade fährt. Anderen ständig im Weg: rücksichtslose Skateboarder (die weibliche Form ist meist umsichtiger und zurückhaltender), die öffentlichen Raum für sich beanspruchen. Oder ihre umherschießenden Bretter, wenn sie die Kontrolle verloren haben. (praktisch wie metaphorisch).


Partywütige

TODO
Früher schlecht besucht, heute überfüllt: Open Air auf dem Tempelhofer Feld. Foto: imago images/POP-EYE

Klar, die Hotspots mögen nebenan in der Hasenheide liegen oder in den Wäldern Brandenburgs. Doch auch dem Tempelhofer Feld wird gefeiert. Auf Rollerskates mit Kopfhörern, am Skateplaza mit Abstandsregelung, zu dritt mit Bluetoothbox. Seit diesem Sommer wissen wir, dass die Extase viele Gesichter hat, dass Party nicht synonym mit zuckenden Lichtern, wummernden Bässen und schweißbedeckten Leibern sein muss. Das Open Air-Gefühl ist schließlich das, was du draus machst. Oder der barfüßige Mittdreißiger, der seinen Fedora-bedeckten Kopf und ansonsten freien Oberkörper zu Bob Sinclars „Love Generation“ über die Flaniermeile schwingt. Bei so viel Sonnengruß ist eins gewiss: Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und so manch übergriffige Nacktheit haben wir garnicht so sehr vermisst.


Dates

TODO
Schritt für Schritt ins Paradies. Foto: imago images/eventfotografen.de

Zwar gibt es keine statistischen Erhebungen darüber, was Berlins beliebteste Orte für Dates sind. Das Feld jedoch steht mit Sicherheit weit oben. Ob Spaziergang, (trend)sportliche Aktivitäten, Picknick. Hier sind Paare und jene, die es vielleicht werden, allein unter vielen. Die perfekte Anonymität. Man hat sich nicht viel zu sagen? Das Meer mag zwar fern sein, aber auch hier lässt sich perfekt schweigend an bedeutungsschwanger in den Horizont blicken. In den Gärten und zwischen Bäumen lässt sich verstecken mit den Parkwächtern spielen, sobald es dunkel wird. Und wenns nicht passt: Das Weite suchen ist hier mehr als nur Metapher.


Businessluncher

TODO
Hinterlässt noch am wenigsten Müll: Pizza. Foto: imago images/ZUMA Press

Entgegen allgemeiner Gültigkeit gibt es Büros auch abseits von Orten, an denen es nichts gibt. Manche Menschen arbeiten sogar im Schillerkiez, wo das kulinarische Angebot weit reicher ist als im Tiergarten. Also raus aus dem (Home) Office, und warum nicht gleich das Parkpanorama nutzen, wenn es eh schon um die Ecke ist? Zur Mittagszeit finden sich hier diverse Kleingruppen, auf Jacken gebettet. Sie ernähren sich aus Plastik, Styropor, Aluminium und Butterbrotpapier. Manchmal gar aus Tupper. Der Businessnatur entsprechend ist der Service beim Lunch meist reduziert, alles muss schnell gehen, abräumen können andere. Wie kulinarisch divers die Gegend hier ist, merkt man dann meist Abends, wenn man sich in der Dämmerung arglos in Essensreste setzt.


Parkanlagen holen nicht nur das beste aus den Menschen raus: An anderer Stelle wurden die nervigsten Parkbesucher*innen erfasst. Wenn das Tempelhofer Feld zu weit weg ist, gibt es hier noch mehr Orte zum (gemeinsamen) Alleinsein. Sollte es euch auf die Südseite verschlagen, gibt es in Tempelhof noch weit mehr zu erkunden. Und sollte der Hunger nach dem Feldausflug allzu groß sein, gibt es hier diverse Restauranttipps für Neukölln.

Mehr über Cookies erfahren