Stadtleben

Theater-DAX

Was der DAX fürs Wirtschaftsleben, ist die Kritikerumfrage von „Theater heute“ für die Bühnen: Volatil, nicht immer frei von Spekulationsblasen und Junkbonds, aber ein Index, an dem die Branche nicht vorbeikommt. Diesmal wählten die 42 befragten Kritiker gleich zwei Berliner Theater an die Spitze: das HAU (kleines Abschiedsgeschenk für Matthias Lilienthal) und die offenbar jede Dauerkrise stoisch ignorierende Volksbühne: Pollesch! Fritsch! Ibsen-Exzess-Irrsinn! So weit, so Berlin. Die weiteren Plätze machen das Thalia Theater Hamburg und die Münchner Kammerspiele weitgehend unter sich aus. Schauspieler des Jahres ist der tolle Sebastian Rudolph für seinen Faust-Mephisto in Nicolas Stemanns nicht genug zu rühmendem „Faust“, der Inszenierung des Jahres (Thalia Theater Hamburg). Schauspielerinnen des Jahres sind Sophie Rois, Sandra Hüller, Con­stanze Becker, Jana Schulz und Bibiana Beglau – wer wollte da wider­sprechen?
Die anderen Berliner Bühnern scheinen wenig relevant. Das Deutsche Theater, immerhin die größte und reichste Berliner Sprechbühne, spielt in der Kritiker-Umfrage kaum eine Nebenrolle. Traditionell reicht es bei Claus Peymanns BE schon länger nicht mal zur Erwähnung in der Umfrage. Für die seriöse Theaterkritik ist das Haus nicht mehr uneingeschränkt satisfaktionsfähig. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, das erfolgreiche Unterhaltungstheater statt aus dem Kultur­etat aus den Töpfen der Berlin Tourismus Marketing GmbH zu subventionieren. Auch die Schaubühne rangiert irgendwo im Abseits. Und das, obwohl ihr künstlerischer Dauerleiter seit 13 Jahren, Thomas Ostermeier, schwer von sich selbst begeistert, so gerne erklärt, außerhalb Berlins sei er weltberühmt.

„Theater heute“, Jahrbuch 2012, 176 Seiten, 24,80 Ђ

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