Stadtleben

Theater gestern, Theater heute

Ein bisschen erschrickt man, wenn man die beiden Jahrszahlen auf dem Cover des
fetten Jahrbuchs der Fachzeitschrift sieht: „Theater heute 1960 – 2010“. Es
sieht ein bisschen aus wie die Lebensdaten in einer Todesanzeige. Aber erfreulicherweise gibt „Theater heute“ nicht das eigene Ableben, sondern nur einen runden Geburtstag bekannt: Seit 50 Jahren begleitet die Zeitschrift das
deutschsprachige Theater
und hat dabei immer wieder als Debatten-Verstärker,
Diskurs-Mischmaschine und Reflexions-Ebene eine wichtige (Neben-)Rolle gespielt, von der Politisierung des Theaters in den 60er Jahren bis zur Plage des “Postdramatischen Theaters“ in den 90ern.

Promi-Abfeierei und Glamour-Flitter gehörten Gott- und Redaktion sei Dank nie zum Kerngeschäft, eher ging es darum,Theatergeschichte in Realzeit zu schreiben und das Nachdenken über Theater auf
halbwegs zurechnungsfähigem Niveau zu halten. Der ausgiebige Rückblick in die Geschichte der Zeitschrift ist dann auch ein Blick ins Archiv der jüngeren Theatergeschichte – zurück bis in versunkene Zeiten, in denen die (Zeitschriften-)Welt noch schwarz-weiß und Theater eine feierliche Sache war.  Kern des Jahrbuchs ist ein so kluges wie an übertriebener Harmonie angenehm desinteressiertes Streitgespräch
zwischen HAU-Chef Lilienthal, dem bekennenden Berufsjugendlichen des Pop- und Diskurs-Theaters und dem großen, beneidenswert wachen und auch schon 86jährigen Günther Rühle, dem Doyen der deutschen Theaterkritik, in dem es um die
Kollateralschäden und Verluste an zeitdiagnostischer Kraft geht, die Rühle dem
postdramatischen Theater attestiert. Und wie immer in der Tragödie haben natürlich beide Seiten in diesem Clash der Generationen komplett recht.
Pflichtlektüre.

theater heute Jahrbuch 2010. 200 Seiten,24,80 Ђ

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