Stadtleben

Theater macht krank

Schöner Beitrag zum Wagner-Jahr: Neulich hat die Deutsche Oper am Rhein eine „Tannhäuser“-Inszenierung abgesetzt, da einigen Premierenbesuchern angesichts einiger an den Nationalsozialismus und den Holocaust erinnernden Szenen schlecht geworden war. Die armen Deutschen wollten sich von der Erinnerung an die Verbrechen ihrer Vorfahren nicht den Kunstgenuss beim Antisemiten Wagner verderben lassen. Der Fall wirft viele schöne Fragen auf. Zum Beispiel die, ob demnächst jede Inszenierung abgesetzt werden muss, die einzelnen Besuchern auf Gemüt oder Magenschleimhaut schlägt.

Genügt auch tödliche Langeweile als hinreichender Grund, der Menschheit eine Regie-Leistung zu ersparen? Und wenn dem so ist, was wird dann aus den Herren Kriegenburg und Peymann? Was ist mit der steten Angst, die den Theatergänger im grausigen Würgegriff hält, der Angst, aus dem wohligen Theaterschlaf im Parkett nie wieder zu erwachen? Ist Theater als solches nicht eine gesundheitsschädliche Angelegenheit? Beweisen die schlecht gelaunten Gesichter auf den Premierenfeiern, die anonym keifenden, aufgeregt bramarbasierenden Blogger auf einschlägigen Theater-Internetseiten nicht hinreichend, dass die alten Hoffnungen, mittels Theater zur seelischen Läuterung der Endverbraucher, gar zur Erziehung des Menschengeschlechts beizutragen, als restlos gescheitert betrachtet werden müssen?

Die Absetzung der Düsseldorfer Wagner-trifft-Nazis-Aufführung kann nur ein Anfang sein. Es ist dringend geboten, die Generalproben in Zukunft von den Krankenkassen sowie den üblichen verdächtigen Lordsiegelringbewahrern der politischen Korrektheit abnehmen zu lassen und Premieren unter Gesichtspunkten der Gesundheitsprävention wie des Minderheitenschutzes genehmigungspflichtig zu machen.

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