Stadtleben

Theater zu Parkhäusern!

Liebeserklärungen können kompliziert sein, vor allem wenn sie ehrlich gemeint
sind. Das gilt erst recht für Liebeserklärungen an das Theater. Und besonders,
wenn die Liebeserklärung von Christoph Schlingensief kommt. Auf seinem Blog www.schlingensief.com hat Schlingensief
seinem Freund, dem HAU-Chef Matthias Lilienthal zum 50. Geburtstag gratuliert.
Lilienthal ist an allem schuld: Er hat, damals noch als Chefdramaturg der
Volksbühne, den jungen Avantgarde-Filmer Schlingensief 1993 ans Theater geholt.
Der Rest ist Geschichte – eine Geschichte, die das Theater gründlich
durchgerüttelt und verändert hat. Logisch, dass Schlingensief mit seinen
Geburtstagsgrüßen an Lilienthal auch so etwas wie seine persönliche
Theater-Biografie schreibt. Sein erster Besuch in der Volksbühne dauerte nicht
lange, Schlingensief flieht nach 50 Minuten – „zumal ich Theater sowieso
entsetzlich langweilig und bescheuert fand.“ Schlingensief: „Thomas Meinecke
hatte damals immer gesagt: Theater zu Parkhäusern, und das war auch meine
Meinung.“ Schlingensief weiter: „Theater ist einfach zu 90 Prozent extrem
verblödet, weil es einem Naturalismus nachhängt, der den Kopf in keinster Weise
fordert. Da schreiben dann tatsächlich irgendwelche simplen Gemüter wie
ergreifend und sensibel manche Darsteller irgendwas dargestellt haben. Tut mir
leid, aber mich interessiert ein Gedanke, eine philosophische Seite der
Theatermedaille mehr als ein schwitzender Leidensbeauftragter. Matthias hat das
immer verstanden. Meine völlig verunglückten Abende waren meist die, wo ich
dann auch mal `richtiges` Theater machen wollte. Und das sah dann auch so aus
wie das Kasperletheater von Peymann , bzw. der Schrott , der im BE läuft.“  Selbstverständlich ist das eine
Liebeserklärung an das Theater: Wer das Theater liebt, erwartet etwas mehr von
ihm als Kunstgewerbe und reagiert entsprechend allergisch auf die Weichspül-
und Wohlfühl-Seifenblasen von BE bis DT. Schlusswort Schlingensief: „Matthias,
ich freue mich auf viele weitere Arbeiten.“ Wir auch! Endlich mal Vorsätze zum neuen
Jahr, die auch nach dem Silvesterkater noch stimmen. 



Peter
Laudenbach

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