Stadtleben

Tiere

Neulich ist eine Katze, die ich gut kenne, gebissen worden. Nicht von einer anderen Katze oder einem Hund, sondern von einer Schlange. Nicht im Zoo, sondern im Grunewald. Sie musste ärztlich versorgt werden, das Gift wurde entfernt, sie hat jetzt einen rasierten Steiß.
Es gibt nicht nur im Grunewald Schlangen, sondern auch mitten in der Stadt – im Volkspark Fried­richshain. Man kann dort Schlangenhäute finden, die aussehen, als wäre irgendwo eine Boa ausgebrochen, aus dem Terrarium eines Reptilienfreaks, der Käfig und Fenster offen stehen ließ. Es war aber die Haut einer einheimischen Ringelnatter.

KraeheBerlin ist voll mit Tieren. Nicht nur voller degenerierter Hunde und Katzen, sondern auch voller Wildtiere, die ihr natürliches Habitat zurück­wollen. Es gibt Fledermäuse, die ganze Gebäude okkupieren, Riesenwelse im Schlachtensee, die Schwimmer erschrecken, und die Wildschweine verwüsten generalstabsmäßig die spießigen Schrebergärten. Sie wühlen sich über Schulhöfe im Westend, pflügen Gräber auf Friedhöfen um oder blockieren die Wanderwege am Teufelssee. Sie schauen einem auf diese Art in die Augen, dass man ein schlechtes Gewissen bekommt.

Neulich haben mehrere Krähen einen Mann in der Innenstadt attackiert. Es war nicht der erste Angriff, der in Hitchcock-Manier erfolgte. Auch kleinere Vögel werden frecher. In Mitte kann man kaum noch draußen frühstücken, ohne dass einen dreiste Spatzen belagern, um das Croissant wegzupicken. Vielleicht liegt es an den vielen Grünflächen, dass sich die Tiere nicht vertreiben lassen wollen, vielleicht liegt es daran, dass Berlin mitten in einer Steppe liegt und von den tierischen Bewohnern des umliegenden Brandenburg als eine Art Durchgangsstation gesehen wird.

Jedenfalls gibt es Füchse, die durch die Stadt streifen, und neulich ist ein Krokodil an den Strand einer Insel in der Havel gespült worden. Die Menschen dort hielten es zunächst für ein Gummiboot, bis sie erkannten, dass es sich um ein totes Reptil handelte, erfroren bei der Durchquerung der Stadt. Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass sich so viele Wildtiere in Berlin wohl fühlen. Es heißt, dass die Stadt noch nicht zu zivilisiert ist, zu domestiziert. Dass Berlin eine anarchische Metropole bleibt – auch, wenn die Menschen in ihrer Räudigkeit nachlassen.

Foto: Peter Kirchhoff/Pixelio 

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