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Tilda Swinton über Berlin, den Mauerfall und neue Mauern

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Sie sei leider gerade in einer Jetlag-Situation, sagt Tilda Swinton lächelnd, als sie die Tür zu ihrer Suite im Wiener Hotel Sacher aufreißt. Tilda Swinton ist eine reisende Künstlerin: Nicht nur pendelt die Schauspielerin zwischen gewagten Kunstprojekten („Der Mann aus London“), exzentrischen Indepen­dent-Komödien („Burn After Reading“) und Hollywoods Mainstream („The Chronicles of Narnia“), auch internationale Film­festivals reißen sich um sie. Dem laufenden Wiener Filmfest, der Viennale, wohnt sie gerade als Stargast und Zentrum einer Retrospektive ihrer Arbeiten bei, die ihre bisherige Karriere – von Derek Jarmans „Caravaggio“ (1986) bis zu ihrer Oscar-Performance in „Michael Clayton“ (2007) und zu ihrer jüngsten Arbeit, dem einstündigen Berliner Fahrradreisefilm „The Invisible Frame“ – resümiert.

tip Sie kamen erstmals mit Derek Jarman nach Berlin. Das war 1986, und Sie reisten als Darstellerin in Jarmans „Caravaggio“ zur Berlinale. Im selben Jahr drehten Sie mit Christoph Schlingensief den Film „Egomania“.
Tilda Swinton Genau. Und für Klaus Wyborny spielte ich in „Das offene Universum“. Alles im selben Jahr.

tip Nichts davon war geplant, als Sie im Februar 1986 in Berlin ankamen?
Swinton Nichts. Daran ist nur das Saatbeet der Berlinale schuld! Ich traf Christoph und Klaus – und das war’s! Alles Weitere ergab sich. Wir reisten für Wybornys Film auf die Fidschi-Inseln, und einen Monat später drehte ich mit Christoph „Egomania“.

tip Waren Sie damals, als die Mauer noch stand, je in Ostberlin?
Swinton Klar. Wann immer ich nach Berlin kam, machte ich einen Tagesausflug in den Osten. Ich kannte dort niemanden, aber es erschien mir wichtig, zu sehen, wie dort das Leben ablief. Also reiste ich mit meinen Freunden ein – und abends spazierten wir wieder zurück.

tip Wie kam es nun dazu, in Berlin das Remake eines kaum bekannten Essayfilms zu drehen?
Swinton Das hatte persönliche Gründe – und wir hätten den Film wohl auch ohne 20-Jahr-Jubiläum gedreht. Aber natürlich machte das Jubiläum des Mauerfalls die Finanzierung des Films einfacher. Als Cynthia und ich einander wiedersahen, begannen wir sofort davon zu reden, wie sehr sich Berlin verändert hatte. Ich habe eine Art Rip-Van-Winkle-Beziehung zu Berlin: Seit 1988, nach dem Dreh des ersten „Frame“-Films, hatte ich die Stadt ja praktisch aus den Augen verloren. Ich hatte dann auch zu Hause kleine Kinder, also andere Prioritäten, als meine Freunde in Berlin zu besuchen. Schließlich besuchte ich vor ein paar Jahren die Berlinale wieder, und 2009 war ich als Jurymitglied des Festivals erstmals wieder länger da. Ich bemerkte, dass ich die Stadt nicht wiedererkannte. Ich ging die Straßen entlang und fühlte mich völlig entfremdet; ich wachte morgens auf und dachte nur: Das ist eine andere Stadt! Sie heißt Merlin! Ich erkannte dann doch, da und dort, Dinge wieder. Aber die Stadt blieb für mich dieser surreale Ort, eine Traumlandschaft.

tip Sie drehten „Cycling the Frame“ im Sommer 1988. Den Fall der Mauer, ein gutes Jahr später, erlebten Sie nicht, oder?
Swinton Nein! Ich verpasste ihn. Für Cynthia und mich war „The Invisible Frame“ daher eine sehr persönliche Reise. „Cycling the Frame“ war für mich zu einer Art Totem geworden, denn wir stellten darin Fragen, die ein Jahr später ungeahnte Aktualität gewinnen sollten.

tip Die Texte, die Sie in diesem ers­ten Berlin-Film einsprechen, wirken wie frei assoziiert, wie ein Bewusstseinsstrom. Erfanden Sie diese Texte tatsächlich erst im Augenblick der Aufnahme?
Swinton Das meiste davon schon, glaube ich. Das war eine Art automatisches Schreiben – die innere Stimme eben. Unsere Reise ist ja sehr simpel, keine große Pilgerfahrt. Aber es ist die Einladung zu einer Meditation.

tip Sie fragen sich zu Beginn des Remakes, was sie in den 21 Jahren, die zwischen den beiden Filmen liegen, gelernt hätten.
Swinton Diese Frage war, als wir drehten, tatsächlich jeden Tag in meinem Kopf.

tip Betrachten Sie Ihr Leben so? Statt von Tag zu Tag zu leben, jagen Sie dieser größeren Perspektive nach?
Swinton Nicht grundsätzlich, aber die Geste, wieder auf dem Rad zu sitzen und diese Strecke noch einmal zu befahren, versetzte mich zurück: Das war wie ein Portal in die Vergangenheit. Der Film wurde für mich zu einer Zeitmaschine.

tip Ihre beiden Berlin-Filme wirken auf den ersten Blick so simpel, dabei sind sie sehr komplex: Sie handeln ebenso sehr von der deutsch-deutschen Geschichte wie vom Hier und Jetzt. Es sind Essays zur Historie der Mauer und zugleich sehr konkrete Dokumentarfilme, die das Leben in der Stadt während zweier Sommer beschreiben.
Swinton Es war unsere Absicht, die Filme einfach aussehen zu lassen. Und wir wussten genau, dass wir uns, um möglichst gegenwärtig zu bleiben, auf die Fragen konzentrieren mussten, die unser Projekt aufwarf – und dass wir gar nicht erst versuchen sollten, Antworten zu liefern. Denn Antworten werden sehr viel schneller alt als Fragen. Und werden wir in 21 Jahren wieder nach Berlin kommen und die Runde machen? Vielleicht! Man weiß ja nie. Aber wirklich gerne würde ich diese Art von Film in Palästina drehen, wo es bekanntlich auch eine Mauer gibt.


Interview: Stefan Grissemann
Fotos: SandroKopp/Filmgalerie451

 

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