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Tilda Swinton über Berlin und den Mauerfall – Teil 2

Tilda_Swintontip Tatsächlich widmeten Sie „The Invisible Frame“ dem palästinensischen Volk.
Swinton Diese Widmung war für Cynthia und mich sogar eine der Initialzündungen des Films. Denn wir drehten diesen Film, als anderswo gerade wieder eine Mauer errichtet wurde. Und eines überraschte mich mehr als alles andere, weil ich mich darauf weder persönlich noch politisch vorbereiten konnte: Die Mauer übte diesmal so viel mehr Wirkung auf mich aus als das erste Mal. Ich sehe das als exis­tenzielle Lektion: Entferne ein Objekt, und du wirst es umso deutlicher spüren können! Solange es da ist, kann man es ignorieren; wenn es weg ist, geht das nicht mehr, denn es hinterlässt eine Lücke, die erst den Sinn für die Brutalität dieses Objekts schärft. Es gibt diese fantastischen Aufnahmen vom 13. August 1961, als man erstmals Stacheldraht aufzog. Man sieht diese Bilder heute und fragt sich: Warum ließen sich die Menschen das bieten? Ich halte die Idee, dass man den Prozess der Teilung Berlins einfach so beginnen konnte, ohne dass er von den Menschen kommentiert wurde, für faszinierend. Und dann verstand ich: 1961 war nicht nur Deutschland, sondern ganz Westeuropa von den vergangenen 15 Jahren so ausgelaugt, dass ein bisschen Stacheldraht – oder sogar eine Mauer – den Menschen relativ unspektakulär erschien. Dieses Gefühl konnten wir 1988, bei der ersten Durchfahrt, noch nicht mobilisieren: Denn alles, was wir da hatten, war eine Mauer; die entscheidenden Fragen dazu hatten wir noch nicht.

tip Sie hatten immerhin Ihren Zorn: Im Finale von „Cycling the Frame“ äußern Sie wütende Worte über den Zustand der geteilten Stadt.
Swinton Damit bin ich bis heute nicht ganz glücklich. Ich extemporierte das, ich sagte Dinge wie „stupid fools“. Wenn ich das heute sehe, fühle ich Mitleid mit mir selbst, mit jemandem, der noch sehr jung ist. Das ist einer der wenigen Momente des Urteilens in einem Film, in dem es doch um das Stellen von Fragen geht, nicht um Wertungen. Ich würde mich mit dieser Person, die ich ja selbst war, heute gern unterhalten.

tip Es gibt einen interessanten Moment in „The Invisible Frame“, wo Sie Ihr Unbehagen darüber ausdrücken, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit in Berlin so sehr verdrängt werde, „unter Bergen von Scham“, wie Sie sagen – und dass das alles einmal hochkommen werde. Dabei ist doch gerade in Deutschland die Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR allgegenwärtig, politisch ebenso wie kulturell.
Swinton Vielleicht. Natürlich ist mein Blick der einer Besucherin, einer Außenseiterin. Cynthia und ich sind keine Deutschen, wir wissen nicht, wie es ist, hier aufzuwachsen. Als wir in diesem ehemaligen DDR-Wachturm drehten, der inzwischen als Museum geführt wird, lagen all diese Objekte herum – Uniformen, Schutzbrillen etc. Das wurde da präsentiert wie mittel­alterliche Rüstungen, wie Dinge aus der Ming-Dynastie. Und man denkt: Moment, das alles wurde doch noch vor 21 Jahren von den Menschen hier verwendet. Ich fragte das Personal in diesem Wachturm: Wo sind denn die Menschen, die zu diesen Objekten gehören? Mich in­teressieren doch nicht Amt und Accessoires, sondern die Menschen selbst. Wer arbeitete hier? Die Antwort war: absolut keine Ahnung. Man konnte die Leute trotz intensiver Bemühungen nicht mehr finden, die einst hier ihren Dienst verrichteten. Und das finde ich interessant: diesen Versuch, sich selbst Amnesie zu verordnen. Aber das ist tatsächlich keine nationale Spezialität der Deutschen, die Briten etwa sind extrem gut im Verdrängen.

Interview: Stefan Grissemann
Fotos: SandroKopp/Filmgalerie451

 

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