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Till Harter über den Umbau der Kastanienallee

hartertip: Herr Harter, sind Sie ein vom Umbau der Kastanienallee betroffener Anwohner? Ihre Bar 103 liegt ja südlich des Baubereichs.

Till Harter: Mich betrifft der Umbau direkt nicht, aber unter diesem unsinnigen Totalumbau werden langfristig alle zu leiden haben. Meine Geschichte ist eng mit der Kastanienallee verbunden. Ich bin vor 20 Jahren hergezogen, habe in den 90er-Jahren hier Konzerte und Ausstellungen organisiert, mit Partnern eine Firma und mit anderen einen Kinderladen gegründet, meine Kinder großgezogen.

tip: Wir fragen das nur, weil die von Ihnen mitgegründete Initiative „Stoppt K 21“, die strikt gegen den Plan des Bezirksamtes Pankow ist, in der Bezirksverordnetenversammlung am 2. März eine Bürgerbefragung beantragen will.?Wir wollen, dass alle, die hauptsächlich betroffen sind – die Anwohner der Kastanienallee und der angrenzenden Straßen –  befragt werden. Nicht nur die wahlberechtigten Bürger, sondern auch Gewerbetreibende, Leute, die ihre Kinder hier in die Kitas bringen, Kulturschaffende, Migranten.

Till Harter: Bizarr ist, dass der grüne Stadtrat Jens Holger Kirchner ein Projekt der grünen Verkehrspolitik gegen Proteste in einer grünen Wählerhochburg durchsetzen will.?Das ist peinlich, weil die Grünen und auch die SPD in der Opposition Bürgerbeteiligung und -befragung fordern, zum Beispiel in der Diskussion um Stuttgart 21. Hier haben wir im Kleinen ein ähnliches Projekt. Nur die Konstellation ist anders. Grüne und SPD sind an der Macht. Und wir befürchten, dass hier ihr politisches Interesse größer ist als ihre demokratischen Ambitionen. Es gab während des gesamten sogenannten Bürgerbeteiligungsverfahrens immer massiven Unmut. Für den Stadtrat war aber der Kern seiner Planung, der Totalumbau, nie verhandelbar, nur die Details. Die Politik sagt: Wenn Ihr euch damit nicht zufriedengebt, kriegt Ihr gar nichts. Wir sagen: Wenn Bürgerbeteiligung mehr sein soll als nur eine pseudodemokratische Gnadengeste, muss es am Ende eine Bürgerbefragung geben.

tip: Gibt es dafür ein gutes formales Verfahren??

Till Harter: Noch nicht wirklich. Deshalb muss die Diskussion um mehr direkte Demokratie dahin gehen, dass man den Mut hat zu überlegen: Wo ist das Problem, wer ist betroffen, wer darf entscheiden? Wir schlagen ein einfaches, faires, transparentes, schnelles und kostengünstiges Verfahren vor. Ein Ergebnis könnte Anfang Juni vorliegen.

tip: Und so lange Baustopp? Die Arbeiten sollen ja schon Anfang März beginnen.?

Till Harter: In jedem Fall. Wir bemühen uns sehr, den Streit zwischen Bürgern und Politik durch einen friedlichen Wettbewerb der Ideen zu lösen. Sollte der Stadtrat jedoch über die Köpfe der Betroffenen hinweg die Bagger rollen lassen, ist der Fehdehandschuh geworfen.

tip: Im Mai planen Sie einen „Tag des Zorns“ – wie etwa in Ägypten. Kirchner ist ja nun wirklich kein Mubarak…?

Till Harter: Also, wir nennen ihn schon mal Jens „Hosni“ Kirchner (lacht). Ob es ein Tag der Demokratie oder ein Tag des Zorns wird, liegt in der Hand der BVV Pankow. Egal ob in Kairo, in der Kastanienallee oder sonst­wo: Ich glaube, die Menschen wollen sich nicht mehr ihre Lebensumstände diktieren lassen, sondern mitreden und mitentscheiden. Ich befürchte aber hier wie da: Für dieses Recht müssen wir kämpfen.

tip: Was ist, wenn die Befragung wirklich stattfindet, aber doch für den Umbau ausgeht??

Till Harter: Dann sage ich: ein schlechter Tag für die Kastanienallee, aber ein guter Tag für die Demokratie in Pankow.

Interview: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit

www.stoppt-k21.de

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