Stadtleben

tip Berlin ist 40: bestes Alter oder ?

40-Jährige können Motorrad fahren. Sie können in der Öffentlichkeit furzen und so tun, als wären sie es nicht gewesen. Sie können viel Geld dafür ausgeben, dass ihnen jemand zuhört, wenn sie über ihre Probleme sprechen. Auf ihren Partys reden sie am liebsten über Wein, Gentrifizierung und ihr neues Smartphone. 40-Jährige lassen sich scheiden. Ein paar Jahre noch, dann wird man sie in eine hölzerne Kiste legen und abtransportieren. So nüchtern und arm an Aussichten sieht das Dasein in der Lebensmitte aus der Perspektive von Kindern aus, die gebeten werden, sich selbst als Erwachsene zu spielen – zumindest stellt es sich in der Versuchsanordnung von „Before Your Very Eyes“ so dar, einer rührenden Inszenierung des Theaterkollektivs Gob Squad, die kürzlich im HAU und zuletzt auch beim Theatertreffen aufgeführt wurde.

Das Stück ist zu Recht gefeiert worden, denn gerade durch das Mittel der Verkürzung auf oberflächliche Details und Lifestyle-Phänomene beschreibt es die Umstände einer heiklen Lebensphase sehr treffend, die für die spielenden Kinder noch in unvorstellbarer Ferne liegt und deren Schwelle der 40. Geburtstag markiert. Wenn Sie eine Frau sind, bleiben Ihnen nach den jüngsten Erhebungen des Statistischen Bundesamtes jetzt noch 43 Jahre und vier Monate, als Mann haben Sie im Schnitt noch 38 Jahre und neun Monate vor sich. Auch wenn Sie sich noch jung fühlen, lässt es sich nicht mehr verleugnen, dass der Lauf der Zeit auch vor Ihnen nicht haltmacht. Die ersten Krisen und Enttäuschungen haben Sie bereits hinter sich. Die Summe der Dinge, die Sie bis dahin getan haben könnten, aber nicht getan haben, wächst im gleichen Maße, wie der Raum an Möglichkeiten schrumpft, der Ihnen jetzt noch offen steht. Mit 40 wird aus Ihnen kein Gehirnchirurg mehr, kein Architekt und kein Spitzensportler. Wenn Sie jetzt noch nicht vermögend sind, werden Sie es vermutlich niemals sein. Bill Gates wurde mit 40 zum reichsten Mann der Welt, aber da war er mit seiner Firma Microsoft auch schon seit 20 Jahren im Geschäft. Die meisten bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen stammen von Leuten unter 33, das sieht die Dynamik der neuronalen Verknüpfungen in Ihrem Gehirn leider so vor: Sie lässt mit fortschreitendem Alter ebenso nach wie die Spannkraft Ihrer Haut und das Bedürfnis, sich die Nacht an der Bar um die Ohren zu schlagen.

Das haben Sie oft genug getan. Berlin hat es Ihnen ermöglicht, Ihre Jugend bis weit über den 30. Geburtstag hinaus auszudehnen. Doch irgendwann sieht auch der letzte Berufsjugendliche alt aus. Für viele beginnt deshalb mit 40 eine Phase der Unruhe und der Unzufriedenheit. Sie fangen an, genauer darauf zu achten, zu was es Ihre Altersgenossen gebracht haben. Die Statussymbole der 40-Jährigen von heute sind jedoch keine großen Häuser mit teuren Einbauküchen mehr, keine akademischen Grade und auch keine motorisierten Ungetüme mit Allradantrieb. Den Maßstab für das eigene Wohlergehen bildet nicht mehr der erwirtschaftete Reichtum oder die Position in einer Unternehmenshierarchie, sondern die Lebensqualität, die Sie für sich in Anspruch nehmen. Die Nachweise dieser Lebensqualität rinnen als nie versiegender Strom von Status-Meldungen und Foto-Uploads aus Ihrer persönlichen Bezugsgruppe über den Computerbildschirm. Das Wochenende an der Ostsee, die Kinder auf dem Reiterhof, die Ayurveda-Kur auf Sri Lanka, das Filetsteak auf dem Teller: Die Facebook-Chronik wird zur sich ständig erneuernden Trophäensammlung, die als sichtbarer Beleg eines angewandten Kenner- und Genießertums herhalten muss. Mit Hilfe von speziellen Programmen sind die Fotografien dabei zumeist von unnatürlich kräftigen Farben durchsättigt, sodass sie eingefrorenen Kindheitserinnerungen gleichen. Dass es beim Abgleich zwischen dem, was andere haben und sind, und dem, was Sie glauben, selbst haben oder sein zu müssen, mitunter zu Differenzen kommt, liegt in der Natur der Sache. Zum Ausgleich und zur Selbstbestätigung gibt es Yogakurse und Langstreckenläufe, Erbauungsliteratur und romantische Hollywood-Komödien, Gute-Laune-Tabletten und Alkohol.

Andererseits ist es mit 40 noch ein bisschen zu früh für Reue und Selbstmitleid. Im Grunde können Sie sich nicht beklagen. Wenn Sie zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gelebt hätten, dann wären Sie höchstwahrscheinlich keine 40 Jahre alt geworden. Und wenn doch, dann hätten Sie faule Zähne und ein dauerhaftes Läuseproblem geplagt. Doch Sie leben im frühen 21. Jahrhundert, und Ihre Zähne sind einigermaßen in Ordnung. Es gibt ein paar Dinge, die Sie besser können als andere, und wenn Sie Glück haben, ist es Ihnen gelungen, mit diesen Fähigkeiten Geld zu verdienen. Vermutlich haben Sie sich schon vor ein paar Jahren in einer zentral gelegenen Altbauwohnung eingerichtet und wundern sich nun, wer um alles in der Welt die horrenden Quadratmeterpreise für die neuen Eigentumswohnungen nebenan bezahlen kann. Für Sie scheidet ein Umzug bis auf Weiteres aus, dazu müssten Sie auf zu viele Dinge verzichten, die Ihnen wichtig sind. Dafür haben Sie einen weitläufigen Freundes- und Bekanntenkreis und sind mit hoher Wahrscheinlichkeit verheiratet oder haben einen festen Partner. Falls Sie sich gerade getrennt haben, ist der Liebeskummer nicht mehr so schmerzhaft wie früher. Sie wissen, dass er vorbeigeht, und die Chancen stehen gut, dass Sie sich noch einmal verlieben werden. Dazu müssen Sie sich nur bei einer Partnerbörse anmelden und die gewünschten Parameter eingeben. Ein komfortables Leben. Das kennen Sie auch gar nicht anders.

Wenn Sie heute um die 40 sind, dann wurden Sie in eine friedliche und sichere Umgebung hineingeboren. Den Krieg kennen Sie nur aus den Erzählungen Ihrer Großmutter. Wahrscheinlich war Ihr Großvater bei der Wehrmacht, redete aber nicht gerne darüber. Ihre Erinnerung an die 70er-Jahre besteht aus einer Reihe von Momentaufnahmen und Szenen in unnatürlich kräftigen Farben. Urlaub am Strand, die Familie unter dem Weihnachtsbaum, der Vater mit riesigen Koteletten und die Mutter mit einer turmartigen Frisur. Vom Weltgeschehen haben Sie damals noch nicht viel mitbekommen, Sie waren noch zu klein. Zum Karneval gingen Sie als Zorro, so wie alle anderen auch. Als Sie eingeschult wurden, lag das Jahr 2000 im undurchdringlichen Dunkel am äußersten Rand Ihrer Vorstellungskraft. Als Sie anfingen, sexuell aktiv zu werden, hatte die Angst vor Aids der Idee der freien Liebe ein plötzliches Ende bereitet. Den Weltuntergang durch Atomkrieg und Umweltzerstörung empfanden Sie als akute Bedrohung. Als Sie Ihr Abitur machten, überstieg die Zahl der Wehrdienstverweigerer zum ersten Mal die Zahl der Bundeswehr-Rekruten. Da war die Mauer schon gefallen, und die Apokalypse ist ausgeblieben. Zumindest kommt Sie langsamer als erwartet.

Doch obwohl der globale Kollaps bis auf Weiteres aufgeschoben zu sein scheint, deutet vieles darauf hin, dass die Jahrzehnte, die noch vor Ihnen liegen, um einiges ungemütlicher werden als die Jahrzehnte, die Sie bereits hinter sich haben. Vermutlich werden Sie auf vieles verzichten müssen, was für Sie heute noch selbstverständlich ist. Zum Beispiel auf Fernreisen. In nicht allzu ferner Zukunft wird es in Ihrer Umgebung noch weniger Kinder und noch mehr alte Leute geben. Das Viertel, in dem Sie leben, wird mit Ihnen altern. Sie machen sich also was vor, wenn Sie glauben, Sie könnten sich mit 65 zur Ruhe setzen und Ihren Lebensabend genießen. Sie werden flexibel und einfallsreich bleiben müssen, und dabei werden Sie das Gefühl haben, dass die Jahre immer schneller an Ihnen vorbeiziehen. Ihr Gehirn setzt Ihr subjektives Zeitempfinden ins Verhältnis zu Ihrer Lebensspanne: Die Tage, Wochen und Monate, die Sie durchleben, scheinen deshalb kürzer und kürzer zu werden. Sie werden die Bekanntschaft von Ärzten machen und Krankheiten behandeln lassen, von denen Sie nicht einmal wussten, dass es sie gibt.

Die gute Nachricht ist, dass Ihnen noch reichlich Zeit bleibt, Ihren Einfallsreichtum und Ihre Flexibilität unter Beweis zu stellen, innerhalb und außerhalb Ihrer Komfortzone. Mit 40 gehören Sie einer jugendlichen Minderheit an. Die Mehrheit der Deutschen ist älter als Sie. Was Sie daraus machen, müssen Sie schon selbst wissen. Sie sind ja schließlich alt genug. 

Text: Heiko Zwirner 
Foto: Klaus-Peter-Wolf/Pixelio 

Beilage: 40 Jahre Tip als PDF

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