Stadtleben

Top Ten

Die Auswahl zum nächsten Berliner Theatertreffen hat es in sich. Offenbart hat sich die Jury auf der Suche nach den „bemerkenswerten“ Inszenierungen der Spielzeit nicht von der Versuchung, sich auf ein nicht angreifbares, jederzeit konsensfähiges wohltemperiertes Mittelmass zu einigen, die Sicht verstellen lassen. Stattdessen: Lauter höchst unterschiedliche, jeweils auf ihre Weise extreme, also auch angreifbare Inszenierungen. Ob zum Beispiel das rührend unterkomplexe Agitprop-Theater von Volker Lösch („Marat„, Deutsches Schauspielhaus Hamburg) mit seinen so naiven wie eitlen Täter-Opfer- Zuschreibungen die Welt bereichert, ist eine durchaus offene Frage.

Christoph SchlingensiefDer Kontrapunkt zu diesem ideologischen Dröhnen ist das gänzlich ideologieferne, aber in seiner erstaunlichen Menschenerkundungskunst dafür um so radikalere Theater Jürgen Goschs, der mit zwei Inszenierungen eingeladen ist („Die Möwe“, Deutsches Theater Berlin, „Hier und Jetzt“, Schauspielhaus Zürich). Mindestens so radikal, diesmal aber ungeschützt persönlich ist Christoph Schlingensiefs (Foto) grandioses Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (Ruhrtriennale). Auch sehr persönlich: Das von Joachim Meyerhoff geschriebene, inszenierte und gespielte autobiografische Stück „Alle Toten fliegen hoch 1-3″ (Burgtheater Wien) – eine Verwandlung des gelebten Lebens in Theater. Eher brachial dürfte Kusejs „Der Weibsteufel“ (Burgtheater Wien) ausfallen, intelligent und sarkastisch dagegen Nicolas Stemanns „Räuber“ (Thalia Theater Hamburg).

Eine andere Klassiker-Inszenierung kommt von Andreas Kriegenburg („Der Prozess„, Münchner Kammerspiele). Dass Franz Xaver Kroetz wortloses „Wunschkonzert“ ein Klassiker von heute ist, beweist Katie Mitchell am Schauspiel Köln. Vom vermutlich schönsten Stück des Theatertreffens kann man nur noch träumen, sehen kann man es nicht mehr. Christoph Marthaler hat im Engadin, in Sils-maria in einem traumhaften und legendären Grandhotel hoch in den Bergen „Das Theater mit dem Waldhaus“ inszeniert. Da wären wir jetzt gern.

Foto: Aino Laberenz 

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