Stadtleben

Topmodel

 

 

Ich weiß ja nicht, ob sie das wussten, aber eigentlich bin ich Model. Das bisschen Schreiben mache ich nebenbei, das große Geld aber kommt ausschließlich durch meine Tätigkeit als international gebuchtes Fotomodel rein.

Jetzt sind sie sicher neidisch, so ein Leben ist ja auch nur ganz wenigen vergönnt. Ich jedenfalls entdeckte schon im Kindergarten, im Alter von fünf Jahren, dass dies meine Berufung ist. Beim Bauen der ersten Sandburg im Buddelkasten stellte ich fest: Körperliche Arbeit – das ist nichts für mich.

Mit sorgenvoller Miene sah ich den anderen Kindern beim Wühlen im Dreck zu und überlegte, wie das als Erwachsener so laufen sollte und ob es eine Möglichkeit gäbe, mit möglichst wenig Aufwand viel Geld zu verdienen. Und während die Kinder am Nachmittag mit Buntstiften Sommerblumen für ihre Muttis malten, habe ich, einer Eingebung folgend, eine stark geschminkte Frau mit ernster Miene gezeichnet.

Als die Erzieherin fragte, wer das denn wäre, habe ich ihr geantwortet: „Das ist ein sehr reiches Fotomodel.“ Seither stand fest, ich werde Model oder gehe zum Fernsehen.

Natürlich konnte ich mit fünf Jahren nicht wissen, dass sich meine Körpergröße als Erwachsene nur unwesentlich von der im Kindergarten unterscheiden würde und man als Model mit 1,58 Meter keinen Vertrag bei „Elite“ bekommt.
Aber alles ist noch mal gut gegangen, und weil ich so eine witzige Type bin, wurde ich in einer Agentur für witzige Typen mit zu großen Ohren oder sonst irgendwie komischen Gesichtern engagiert. Seither bedanke ich mich jeden Morgen aufs Neue dafür, dass ich Model sein darf. Nicht auszudenken, wie es wäre in einem normalen Job – am Computer oder so. Da wird man dick, bekommt Mindestlohn und einen schlimmen Rücken. Als Model dagegen bleibt man schon von Berufswegen fit, macht Yachturlaub in Monaco und geht mit amerikanischen Rockmusikern ins Bett. Okay, als Typenmodel findet der Yachturlaub möglicherweise im Kanu auf der Spree statt, und der Rockstar ist nur ein regionaler After-Hour-DJ – aber sie müssen zugeben, ein verrücktes Leben führen wir Models schon!

Am besten gefallen mir übrigens die hohen schauspielerischen Anforderungen im Metier, wegen welcher wir Fotomodels nach unserer Modelkarriere oft gleich noch eine als Schauspieler ranhängen. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Für den Videoclip eines gewissen DJ Balloon sollte ich den Hauptdarsteller – den nun wirklich nicht sehr attraktiven DJ – in meiner Funktion als „Balloon-Girl“ glaubhaft zu Technomusik umwerben. Ein hartes Stück Arbeit! Ein anderes Mal lautete die Aufgabe, für ein Werbeplakat der BSR ein rotes Mützchen aufzusetzen und dabei „frech und ausdrucksstark“ in die Kamera gucken (als Rotkäppchen). Das Fotoshooting dauerte neun Stunden, am Ende war das Ergebnis noch immer nicht zufriedenstellend.

Probieren Sie das ruhig mal zu Hause vorm Spiegel aus, versuchen Sie doch mal ausdrucksstark unter einer kleinen, roten Mütze hervorzugucken! Glauben Sie mir, das schaffen nur wenige. Aber Models (und Menschen) wachsen ja an ihren Aufgaben.

Mehr über Cookies erfahren