Stadtleben

Tote

Berlin ist gut zum Sterben: Es gibt viele schöne Friedhöfe, tolle Nachrufseiten in den Zeitungen, es gibt mit Grieneisen eines der größten Bestattungsunternehmen Deutschlands (das mit 2,5 Millionen Toten bereits eine ganze Metropole unter die Erde gebracht hat) –, aber auch jede Menge alternativer Bestatter, die einen in einer kompostierbaren Ökoschachtel zu Musik von Jimi Hendrix unter die Erde bringen. Ich habe sogar mal im Berliner Umland die jüngste Bestatterin Deutschlands besucht, die die Leichen in einer Kühltruhe gleich neben ihrem Swimming Pool aufbewahrte. So glamourös kann der Umgang mit dem Tod sein.

Wer als echter Berliner Promi stirbt, bekommt auf jeden Fall eine Trauerfeier in der Gedächtnis­kirche, deren Name ja schon verrät, dass das Andenken an die Verstorbenen in Berlin hochgehalten wird. Ob von Hildegard Knef Abschied genommen wird, von Wolfgang Gruner, Günter Pfitzmann oder Brigitte Mira – die Landespolitiker schöpfen anlässlich solcher Trauerfeiern aus einem mimischen und gestischen Reservoir, das im Abgeordnetenhaus normalerweise brachliegt.

Natürlich ist Berlin nicht Wien, aber der hiesige Totenkult muss sich nicht verstecken – da soll man sich bitte mal die opulenten Sarkophage im todhässlichen Berliner Dom anschauen oder die Filme des nekrophilsten Regisseurs Deutschlands, Jörg Buttgereit. Friedhöfe wie der Dorotheenstädtische, auf dem Bert Brecht, Hegel oder Marcuse liegen, garantieren ein gewisses intellektuelles Niveau über das Ableben hinaus. Es gibt in Berlin auch die schönsten jüdischen Friedhöfe, und die Idioten, die sie schänden, würde man am liebsten mit einem Grabstein erschlagen.

Selbst als Namenloser kann man auf die wunderbare Obituarienseite des „Tagesspiegel“ gelangen, was insofern eine große posthume Ehre ist, weil die Seite das Beste am „Tagesspiegel“ ist. Auch sonst wird mehr als anderswo in sich gegangen: Es gibt ein Mahnmal für ungeborene Kinder, es wird den Mauertoten gedacht, und es gibt Gottesdienste für verunglückte Motorradfahrer. Die Toten sind hier allgegenwärtig: So lächelt Harald Juhnke immer noch von einem Werbeplakat für ein China­res­taurant am Zoo, als wäre er nur mal eben in die Kneipe gegangen und käme gleich wieder. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass das Krematorium in Treptow eines der schönsten Gebäude in der Stadt ist.

Es laufen aber auch viele Untote durch Berlin: Neulich habe ich zum Beispiel Walter Momper gesehen. Es war bei einer Kranzniederlegung.

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