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Alter Kiez, neuer Kiez

Umzug von Neukölln nach Moabit: Zufrieden im Dazwischen

Nahezu jede Umzugsgeschichte innerhalb Berlins beginnt so: Man wollte nicht weg, ist skeptisch gegenüber dem neuen Viertel und erkennt letztlich Gutes. Unseren Autor zog es von Neukölln nach Moabit. Er erkundet den Westen und fragt sich, ob er das alte Viertel überhaupt vermissen soll.

Idylle am Spreeufer: Moabit ist durchaus einen Umzug wert. Foto: Imago/Shotshop

Umzüge sind stressig, immer. Und das Seelenheil einer eigenen Wohnung nach jahrelangem WG-Leben erstmal ein weiterer Stressfaktor – schließlich braucht es einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, und die eigentlich üppige Küchenausstattung entpuppt sich plötzlich als ungenügendes Stückwerk. Jeder noch so ausgefeilte Plan zur Reduzierung von Aufwand legt Baustellen an anderer Stelle frei – und wenn du zur Kühlschranklieferung schnell 20 Kisten mit rüberkarren willst, stehst du plötzlich ohne Hausschlüssel dort und wirst zusätzlich vom Lieferanten versetzt.

Von Neukölln nach Moabit: Tausche Szenestadtteil gegen, ja was eigentlich?

Klar, das kennt jede:r. Und es soll hier auch nicht um die Frage nach dem besten und günstigsten Stromanbieter gehen, auch wenn ich sie noch nicht beantwortet bekommen habe und Tipps gern entgegennehme. Die Frage ist ja eher: Wie ist es denn nun, von Neukölln nach Moabit, vom multikulturellen Szenestadtteil in den unspektakulär wirkenden Weststadtteil zu ziehen?

Lebhaft, laut, lecker: Neuköllns reichhaltige Facetten wie hier in der Sonnenallee. Foto: Imago/Hans Scherhaufer

Neuköllns Vorzüge sind eigentlich schnell erzählt: Sehr vieles ist sehr lecker und zunehmend sehr teuer. Biomärkte schießen wie Pilze aus dem Boden und geben sich mit türkischen Supermärkten die Klinke in die Hand. Lebhaft und laut ist es, die Hauptverkehrsstraßen sind von Lebensmittelmärkten, Grillhäusern, Dönerbuden, An- und Verkauf, Spätis und Hochzeitsausstattern gesäumt. In den Nebenstraßen: Eismanufakturen, französische Cafés, Sauerteigpizza, Second-Hand-Boutiquen. 

Das Tempelhofer Feld ist viel wert – aber rechtfertigt es Hundekot und Kosten?

Durchgentrifizierung und Prekariat leben in duldsamer Koexistenz. Man weiß nicht, ob die dicke Limousine nun start-up- oder drogenfinanziert ist. Draußen kleben Fäkalien an der Fassade, der Putz bröckelt, drinnen werden funky Naturweine vor freigelegter Backsteinwand verköstigt. Macht dann 16,50 den Quadratmeter, herzlichen Dank. Immerhin: Am Rande des Wahnsinns liegt das Tempelhofer Feld als ultimativer Safe Space und zweites Wohnzimmer aller beengt Wohnenden.

Safespace und Wohnzimmer des Autors: das Tempelhofer Feld, nun fast zehn Kilometer entfernt. Foto: Ben-Robin König

Vor allem Letzteres vermiss ich, ist es nun doch 40 Minuten Radfahrt entfernt. Das hält immerhin fit. Das kulinarische Angebot beizeiten auch, die Bringdienstauswahl in Moabit verspricht mehr weichgekochte Tortellini in Schinken-Sahnesauce als neapolitanische Spezialitäten. Der Döner soll hier gut schmecken, wurde einst gerappt. Allein, den Beweis habe ich noch nicht gefunden. Ich wollte eh wieder mehr kochen.

So recht erfassen lässt sich nach drei Wochen Moabit noch nicht. Auf einmal tauchen der Hauptbahnhof, Bellevue, das Regierungsviertel in meiner Umgebung auf – Orte, deren Besuch eigentlich nur in Verbindung mit Reisen oder touristischem Ansinnen stehen sollten.

Moabit – der Zwischenstadtteil

Der Stadtteil ist eingepfercht in der Leere von Industriegebiet und Tiergarten. Charlottenburg und Mitte sind nebenan, der Wedding leider auch. Moabit fühlt sich ziemlich dazwischen an. Hier gibt es Deutschlands kürzeste Allee, ein riesiges Gefängnis und das Schultheiss-Quartier als Shopping-Vorhölle, die mit ihrem provinziellen Leerstand jedweden Wunsch nicht erfüllt.

Hauptbahnhof, Glasbauteneinöde, Regierungsviertel, alles nicht so einladend, alles auch Teil von Moabit. Foto: Imago/Joko

Aber eben auch die Lebhaftigkeit der Turmstraße, zahlreiche urige Kneipen, die hoffentlich einmal wieder öffnen, verschiedene Kanalufer, die nicht bei jedem Sonnenstrahl gleich von Massenexodus betroffen sind wie das Neuköllner Maybachufer. Alles ist ein bisschen ruhiger, lichter, gemächlicher. 

Zuhause ist da, wo es ruhig ist: Wilkommen im Westen

Ein Gefühl der Beseeltheit stellt sich ein, ich schlafe seit langer Zeit wieder gut – endlich keine Straßenrennen mehr im eigenen Zimmer, weil ich törichterweise das Fenster auf Kipp hatte. Keine Böller. Keine Sirenen. Es ist fast idyllisch in dieser maximal verkehrsberuhigten Straße, die irgendwie auch in Charlottenburg oder Prenzlauer Berg stehen könnte. Ziemlich gute Voraussetzungen für ein eigenes Zuhause. Dazu zahl ich nun für meine gesamte Wohnung weniger als für mein WG-Zimmer – selbst mit gekipptem Mietendeckel.

Aber eben auch: Die schicke Markthalle, schöne Häuser, ruhigere Straßen, Stadtgärten und viel mehr. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Wenn mich der Trubel reizt, schwing ich mich aufs Rad. Ich muss nicht mehr rausfahren, wenn ich Ruhe brauche. Klar führen alle Wege auch woanders hin, aber ich halt’s nun mit „Heimatfeeling“, der Hymne des gescheiterten Rappers Marvin Game: „Alle Wege führen nach Moabit!“


Mehr Umzugsgeschichten

Der innerstädtische Umzug lässt sich natürlich schwerlich mit Metropolenwechsel vergleichen: Wie es ist, London gegen Berlin zu tauschen. Manche mögen ja den Wedding und landen dann doch woanders – unsere Autorin lernt die Klischees des Prenzlauer Bergs zu schätzen. Noch jemand, der Neukölln den Rücken kehrt: Diesmal geht es aber nach Kreuzberg. Crashkurs für Neuankömmlinge: Diese Berliner Eigenheiten sind erst einmal gewöhnungsbedürftig.

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