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Alter Kiez, neuer Kiez

Umzug von Prenzlauer Berg nach Steglitz: Überraschend anders

Drei Studenten ziehen nicht ganz freiwillig von Prenzlauer Berg nach Steglitz. Oft begegnen ihnen fragende Augen bei der Aussage, dass sie nun in Steglitz wohnen. Aber manchmal muss man eben aus seiner Wohnung im einstigen Szene-Bezirk Prenzlauer Berg raus, weil die Vermieter plötzlich selbst Gefallen an der lichtdurchfluteten Altbau-Wohnung finden.

Und plötzlich finden vier Studenten Gefallen an einem Bezirk, den sie bis zum Einzug in die neue Wohnung nicht auf dem Radar hatten. Denn der ist überraschend anders: ein Umzug von Prenzlauer Berg nach Steglitz.

Das Rathaus Steglitz am gleichnamigen U-Bahnhof wird von dem Einkaufszentrum Das Schloss umzingelt. Foto: Imago/Joko
Das Rathaus Steglitz am gleichnamigen U-Bahnhof wird von dem Einkaufszentrum Das Schloss eingerahmt. Foto: Imago/Joko

„Oh you live in Kreusbörg, that’s so Berlin!“, „Prenslower Börg, how nice!“ Kaum vorstellbar, dass jemals jemand Ähnliches über Steglitz gesagt hat. Denn nicht mal die Berlinerinnen und Berliner wissen so richtig etwas mit Steglitz anzufangen. Ein Bezirk im Süden der Stadt, bei dem man sich noch fragt, ob man für die Anreise schon ein ABC-Ticket von der BVG braucht.

Es ist fünf Jahre her, dass die drei Studenten gemeinsam eine Dreizimmerwohnung direkt am Kollwitzplatz beziehen. Dort gibt es schon damals kein Wildlife, wie am Kotti, aber eben auch kein Wildlife, wie in Zehlendorf. Mit den Jahren wird das dort auch nicht besser.

Nach fünf Jahren will ihr Vermieter selbst wieder in die Altbauwohnung ziehen. Das bedeutet für die Studenten: Wohnungssuche. Was in Berlin bekanntlich die Hölle ist. Sie wollen mehr Innenstadt – und bekommen Steglitz. Dort finden sie eine Fünfzimmerwohnung, wieder Altbau, nur nicht ganz so elegant wie am Kollwitzplatz. Aber immerhin.

Und sie holen, sie haben ja jetzt mehr Zimmer, noch noch einen Mitbewohner dazu zu nehmen und das neue Zuhause in die Nähe der City-West zu verlegen, wo sich eh größtenteils ihr alltäglicher Uni-Alltag abspielt: Universität der Künste, Technische Universität, Beuth-Hochschule.

Und so zieht Jungs-WG einmal quer durch die Stadt.

In Steglitz versteckt man sich noch hinter den Wohnungstüren

Der Boden der neuen Wohnung ist schief, die Küche oll. Kabel aus der Wand, die im Nichts enden. Eine Haustür, die nicht richtig schließt. Und die erste Nacht in der neuen Wohnung ist eine Katastrophe. Es ist eben doch ein Unterschied, bei offenem Fenster am Kollwitzplatz zu schlafen oder über einer Bushaltestelle in Steglitz.

Dafür gibt es sehr entspannte Nachbarn und noch gelassenere Vermieter, die es nicht stört, wenn die Musik bis drei Uhr nachts laut aufgedreht bleibt. Das haben sie am Kollwitzplatz ein-, zweimal ausprobiert, bis die dortigen Nachbarn klar gemacht haben, dass sie für Musik nach dem Sandmännchen in Prenzlauer Berg kein Verständnis aufbringen.

In Steglitz ist das anders – hier wohnt jetzt die Mitt-Zwanziger WG Wand an Wand neben dem 60-jährigen Vermieter-Paar. In Steglitz kennt man seine Nachbarn. Und auch der kleine Tobias, der morgens immer im Hausflur herumbrüllt – in der Hoffnung, dass seine Mutter sich beeilt, damit er nicht zu spät zur Schule kommt. Dieser vielleicht Zehnjährige wird trotzdem jeden Morgen mit einem freundlichen Kopfnicken bedacht.

Ein Wahrzeichen von Steglitz: Der Bierpinsel. Foto: Imago Imnages/serienlicht

Im Prenzlauer Berg auch mal „Namasté!“, in Steglitz reicht „Tach!“

Überhaupt: In Prenzlauer Berg grüßten die Eso-Nachbarn mit gefalteten Hände, gebeugtem Kopf und einem „Namasté!“. In Steglitz genügt ein stinknormales „Tach!“. Schluss mit den Hausflur-Gesprächen. In Steglitz wird noch so richtig wie früher hinter verschlossener Wohnungstür gelauscht, bis die Luft rein ist, erst dann wird der Schritt in den Hausflur gewagt, so wie es sich hier eben gehört! Ja, in Steglitz wohnt’s sich anders.

Den gut sortierten Supermarkt aus dem Prenzlauer Berg gibt es auch in Steglitz. Doch wo sonst teilen sich Eurogida und Bio-Supermarkt den Parkplatz? Nirgendwo sonst stehen alte Stadtvillen neben einer der letzten Video-World-Filiale der Welt. Und vermutlich nirgendwo sonst entsteht ausgerechnet über dem schäbigsten Supermarkt des Viertels aus einem asbestverscheuchten 70er-Jahre-Bau ein luxuriöser Wolkenkratzer. Ja, Steglitz ist irgendwie anders.

Der Steglitzer Kreisel wird zu einem luxuriösen Wolkenkratzer grundsaniert, damit Steglitz ein Teil der Berliner Skyline wird. Foto: Imago/ Schöning
Der Steglitzer Kreisel wird zu einem luxuriösen Wolkenkratzer grundsaniert, damit Steglitz ein Teil der Berliner Skyline wird. Foto: Imago/ Schöning

Und laufen die Neu-Steglitzer durch den Kiez, der zur Überraschung nämlich doch existiert, sehen die freundliche Hasna hinter der Theke des Café Paris und haben dabei dem Duft der großartigen Tartes au Citron in der Nase. Oder sie kommen beim Mann im Kebab-House vorbei, dem sie gestern Abend noch die Bestellung aus dem Auto zu gerufen haben. Dann fühlen sich diese Neu-Steglitzer doch ganz wohl.

Von den Prenzlschwaben zu den Ur-(alten) Berlinern. Ein neues Leben in dem Bezirk der Gegensätze. Buntere Menschen, mehr Sprachen. Undviel längere Erklärungen, wo die vier jetzt wohnen.


Mehr aus der Serie „Alter Kiez, neuer Kiez“:

Wie unsere Autorin aus dem Wedding ihren Umzug nach Prenzlauer Berg erlebt hat, erzählt sie im zweiten Teil unserer Serie „Alter Kiez, neuer Kiez“. Und gestartet haben wir die Serie mit dem Wohnungstausch von Neukölln nach Kreuzberg. Ciao Tabak-Läden, ciao Wettbüros. Hallo – ja was eigentlich?

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