Kommentar

„Unser Haus!“ von Philipp Wurm

Wer in Berlin politische Rituale aus der Mottenkiste erleben will, sollte in die Rigaer Straße fahren. In der Hauptstraße der permanenten Revolution verteidigen linke Häuserkämpfer mit eiserner Disziplin ihr besetztes Widerstandsnest, die Hausnummer 94 – ihr Bollwerk sind Steine und Rio-Reiser-Romantik

Dafür kassieren sie den erwartbaren Hass der Staatsgewalt. Im vergangenen Sommer eskalierte der Streit: Frank Henkel, der damalige Innensenator, ließ die Kadterschmiede räumen, ohne richterlichen Beschluss. Sozusagen der Super-GAU in der Spirale aus Dissidenz und Gegengewalt. Wenig überraschend, dass das Gebiet bis heute nicht befriedet ist. Zu sehen ist ein Film in Dauerschleife: Polizisten patrouillieren, Autonome provozieren. Zuletzt entlarvte CDU-Generalsekretär Stefan Evers den finsteren Geist mancher Ordnungshüter, als er von „Linksfaschisten“ dröhnte, die es „auszuräuchern“ gelte. Um den Stillstand zu kaschieren, überbieten sich die Volksparteien neuerdings in Populismus. Die CDU will Überwachungskameras, die SPD eine mobile Wache. Der eigentliche Grund für den Konflikt schimmert jedoch in einem anderen Abschnitt des sozialdemokratischen Forderungskatalogs durch. Da ist die Rede von „Dialogladen“ und „Kiez-Rat“, die man gründen müsse – dort sollen Menschen ihre Ängste vor Gentrifizierung kundtun. Er erinnert daran, dass es in der Rigaer Straße und an anderen Hotspots in der Stadt vor allem um den Kampf um Wohnraum gehen sollte, der bezahlbar ist und der Spekulation entzogen. Im Schützengraben  zwischen linken Guerilleros und rechten Law-and-Order-Verfechtern gerät diese Aufgabe aus dem Blick. Ein Sehverlust, der dringend behandlungsbedürftig ist.

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