Stadtleben

Update Neukölln

neukoelln_Benjamin_PritzkuleitIn der Friedelstraße legt ein DJ aus Tel Aviv am Tresen Synthiepop auf, während im Keller darunter eine schwedische Band eine 14-minütige Gabba-Jazz-Performance abspult. In der Hobrechtstraße rasiert zur gleichen Zeit ein durchgeknallter Friseur einen Hinterkopf, während zwei Mädels im Rotkäppchenkostüm eine Strip-Performance hinlegen. Neukölln ist bunt, laut und vor allem in Bewegung. Wenn man noch vor fünf Jahren erzählt hat, man wohne am Hermannplatz, wurde man erschrocken, ja fast mitleidig angeschaut. „Hast du keine Angst?“ oder: „Kannst du dir nix anderes leisten?“ waren alle Fragen, die man dazu zu hören bekam. Heute wollen die gleichen Freunde nach einer durchzechten Neuköllner Nacht in meinem Wohnzimmer „auskomaen“ und danach am liebsten meinen Vermieter anrufen und meinen Mietvertrag übernehmen.

Als man damals, also vor fünf Jahren, die Weserstraße hinunterlief, reihten sich An- und Verkauf-Geschäfte an Import-Export-Läden, der türkische Raucherverein ans Bordell Tuc Tuc, viel Leerstand, jede Menge Parkplätze, billige Mieten, Säufer im Seitenflügel. Die Weserstraße heute: Wo das Tuc Tuc war, ist jetzt eine Galerie, statt Thaikaraoke und Nutten gibt’s Kunst und Prosecco, viele Kinderwagen im Hausflur, Stadt und Land will sanieren, bunt gestreifte Liegestühle versperren den Gehweg. Statt schummriger Eckkneipen dominieren Bioeisläden und Cupcake-Bäckereien, Hut­ateliers und Vegi-Cafйs. Klassische Eckkneipen wie Weser Eck und Zum Anker gibt es noch, Szenebars der ersten Stunde wie Freies Neukölln, Ä und Silverfuture auch. Viele andere Kneipen jedoch haben nach wenigen Monaten schon wieder aufgegeben und Thai-Restaurants oder Modeateliers Platz gemacht. Viele Alteingesessene beäugen das jutebeutelbehangene und rollkofferhintersichherschleifende Publikum der Weserstraße mittlerweile etwas ungläubig. „Das ist hier inzwischen wie ’ne Mischung aus Simon-Dach-Straße und Kastanienallee“, erklärt mir mein Nachbar am Tresen im Tell Stübchen – eine der wenigen noch existierenden Eckkneipen auf der Weserstraße. Trotz alltäglicher Touristenhorden und steigender Mieten bleibt man hier gelassen.

Die Weserstraße ist die große Ausgehmeile für alle Neukölln-Neulinge. Cafйs, Bars, Restaurants und Galerien für jeden Geschmack und Geldbeutel, aber auch für idyllische Hinterhofszenen, türkische Bäcker und den Coiffeur Fantasy mit Burka-Schmuck ist noch Platz. Wer sich besser auskennt, traut sich in die Querstraßen zwischen Kanal und Hermannstraße, denn dort sind die abgefahrenen Projekte und schrägen Typen zu finden. Zum Beispiel im vor drei Wochen eröffneten Vater. Bei Birkensaft und weißrussischem Wodka prosten sich Russen zu und diskutieren mit Franzosen über zeitgenössisches Chanson. Oder in der St.-Pauli-Kneipe Astra Stuben, wo die Stadionordnung des Hamburger Kultvereins gilt und es explizit keine Cocktails und keinen Latte macchiato gibt. Der Barmann verkündet auf Nachfrage: „Wir sind glücklich in der Weichselstraße. Man kennt sich unterei­nander, ob Nachbar, andere Barbesitzer oder Lottomann. Im Unterschied zur Weserstraße sind die Kneipen hier Konzeptläden. Uns geht es weniger ums kurzfristige Geldverdienen als um die Verwirklichung individueller Träume und um Stadtteilkultur.“ Im Loophole, ein paar Querstraßen weiter, verfolgen zwei Italiener, ein Bosnier und ein Deutscher ähnliche Ziele. Der verwinkelte Raum dient den vieren als Studio und bietet auch anderen Künstlern eine Plattform. Die Macher bestehen darauf, dass der Laden nicht auf einem „gemeißelten“ Konzept beruht und dadurch ein aufregendes Eigenleben entwickelt.

vater_neukoelln_Benjamin_PritzkuleitZoran Stevanovic, Maler, Schauspieler und Maskenbauer bringt das auf den Punkt: „Die Art der Events und der Raum selber sollen sich stetig mit neuen Merkmalen und Ideen zeigen und selber zum Objekt werden, mit dem künstlerisch gearbeitet wird.“ Sein Kollege Jan Gryczan, Fotograf und Filmemacher, ergänzt: „Wir wollen verschiedene Kunstformen zusammenbringen, und die daraus entstandene Vielfalt für Kollaborationen, Konzeptideen und Events nutzen.“ Die vier haben den Laden vor ein paar Monaten von einem Freund übernommen, der ein ähnliches Konzept hatte. Dieser ist inzwischen in eine neue, größere, bislang geheime Location gezogen, ebenfalls in Neukölln. Im Loophole geht es mit Screenings, Konzerten, Performances, Lesungen, Ausstellungen und Theater weiter. Oft bis in die frühen Morgenstunden. Selbes Bild, andere Straße: Pieter Kock, Hamilton Caldwell und Olivier Maarschalk-Altin sind mit ihrem 2008 eröffneten O Tannenbaum schon fast alte Hasen im Kiez. Die drei Holländer feiern ebenfalls gern und lang zu lauter Musik, belgischem Bier und mit Hirschskulptur im Flur zum Klo. Ihr Laden ist von außen unauffällig, drinnen aber regelmäßig gut und mit flirtwilligen Mittdreißigern gefüllt. „Als wir anfingen, gab es in Neukölln viele Freiräume. Es war nicht schwer den Laden zu finden und anzumieten“, erklärt Olivier. „Nur die Behörden waren langsam und schlecht organisiert.“

Doch die Spielräume werden kleiner, das musste auch Darius Keller erkennen. Er hat gerade neue Räume für sein Freudenreich gefunden. Nach mehreren Beschwerden von Nachbarn wegen Lärmbelästigung musste er aus den Räumlichkeiten an der Wildenbruchstraße ausziehen. Er will nun mit Partnerin Lisa Krone eine Bar mit Cafйbetrieb und angeschlossener Tanzschule eröffnen. Schon in der Umbauphase gab es da wieder Probleme mit Nachbarn. „Es sieht inzwischen aber gut aus. Mit der Schallschutzdecke kehrt da hoffentlich Ruhe ein“, erzählt Keller. Anfang Juli wird eröffnet. Sie haben bereits einen Verein für Integration und künstlerischen Ausdruck gegründet. Ab August soll es im Freudenreich dann Bauchtanz, Self-De­fense für Frauen und Deutsch-Kurse geben. In den nahe gelegenen Kindl Stuben hat man solche Erfahrungen nicht gemacht. „Die beim Amt haben sich gefreut. Nicht nur wegen der Steuern, sondern auch weil ihnen ein Studentencafй lieber war als ein Casino„, scherzt Cem Sari. Er und Iavor Zvetanov waren die ersten, die am hinteren Ende der Sonnenallee eine Cafйbar eröffneten. 2011 gab es an diesem Ende Nordneuköllns nur Handyshops, Gemüseläden und Baklava. Die gibt es immer noch zur Genüge, aber mittendrin eben auch die Kindl Stuben, Traum eines Istanbulers und eines Bulgaren, die sich vor 15 Jahren in Berlin kennenlernten und in deren Küche ein kolumbianischer Koch Spätzle und Nürnberger Würste zubereitet.

„Als Vorbild habe ich das Bateau Ivre auf der Oranienstraße“, erklärt Wahl-Kreuzberger Cem. „Ich habe die helle freundliche Stimmung und die interkulturelle Mischung immer geliebt. Egal ob Berliner oder Tourist, Deutscher oder Türke, alle wurden immer super behandelt.“ Dennoch hat er beobachtet, dass bisher nicht viele Türken und Araber den Weg in die Kindl Stuben finden, hofft aber, dass sich das mit der Zeit wandelt. „Wir haben ein sehr junges Publikum, zwischen 20 und 35. Die Hälfte spricht Spanisch oder Englisch. Ob das Studenten oder Touristen sind, weiß ich nicht. Interessiert mich aber auch nicht.“ Cem ist geradezu begeistert von den Entwicklungen rund um die Weserstraße: „Ich habe auch miterlebt, wie Mitte und Friedrichshain aufgeblüht sind, aber hier ist das viel spannender. Die Mischung aus Alt und Neu, Publikum, Künstler und alles drumherum ist viel bunter und interessanter.“

Text: Susan Schiedlofsky

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Susan Schiedlofsky betreibt die Kneipe Friedel Zwölf in der Neuköllner Friedelstraße 12, wohnt seit elf Jahren am Hermannplatz und ist Bildredakteurin beim tip.

 BARS UND KNEIPEN IN NEUKÖLLN

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