Wahlen in den USA

US-Wahl: Wer wählt in Berlin Trump?

Ein Schicksalstermin für Berlins US-Amerikaner: Am 8. November sind Präsidenschaftswahlen. Wer in der Hauptstadt wählt bloß Trump? Eine Spurensuche mit blutigen ­Burgern, Gospel-Gebeten, mit Stars & Stripes und triefenden Donuts

Foto: Ariel Dovas/ Flickr/ CC BY-NC 2.0

Carlos zieht ein Gesicht, als ob er in schimmelige Wedges gebissen hätte. In Berlins vermeintlich bestem Burger-Restaurant, wo das Fleisch blutet wie frisch erlegt, ist Donald Trump ein Hassobjekt. „Einen Trump-Wähler wirst du hier nicht finden“, knarzt der Barmann.

Seine Augen funkeln unter seiner schwarz-weißen Truckerkäppi, das natürlich nur ironisch gemeint ist. Genauso wie der restliche American Way of Life im Lokal:  die Wände aus Brickstone oder die speckigen Menükarten, die Buletten wie den „Filthy Harry“ anpreisen.
So ernüchternd beginnt also mein Streifzug durchs amerikanische Berlin, durch Bars und Shops, selbst durch Kirchengemeinden. Es geht um die Suche nach einer statistischen Anomalie: einen hier lebenden US-Bürger finden, der am Tag der Präsidentschaftswahl einen Republikaner wählen will, der so durchgeknallt ist, dass selbst dem überzeugtestem Redneck das Budweiser wieder hochkommen müsste. Oder kann man sich eine andere Meinungsäußerung vorstellen, wenn einer dafür ist, Mauern zu bauen, Muslime auszuweisen und Konkurrenten zu verhaften?

Das „Bird“ in Prenzlauer Berg, erster Stopp auf meiner persönlichen Route 66, bleibt ein Reinfall. Selbst wenn ich Carlos’ Pauschalurteil misstrauen sollte: Dinnergespräche mit Gästen sind zwecklos, weil hier heute Abend ohnehin nur hippe Spanier Bratlinge verschlingen. Das Nationalgericht der Amis als globalisiertes Konsumangebot. Trump-Wähler würden fluchen.
Ich begebe mich ins spirituelle Zentrum der amerikanischen Community: die Lutherkirche am Schöneberger Dennewitzplatz, wo Gläubige mit US-Pass seit 2002 zu Gospel und Gebet einkehren. Unter neogotischen Gewölben bitte ich den Vorsteher der Gemeinde um Beistand.

Martin McClure erinnert mit Bart und Konfirmandenbrille an Ned Flanders  von den „Simpsons“ und ist auch sonst die Güte in Person. „Die meisten Gemeindemitglieder sind pro Clinton“, sagt er. Seine Exegese: Wer einmal die Vorzüge des deutschen Gesundheitssystems genossen habe, hält nichts von Brachialkapitalisten, die den Sozialstaat planieren wollen. Also lieber Hillary mit Obamacare im Gepäck.
Dann überlegt er kurz. Es könne unter Umständen sein, dass zwei Gemeindemitglieder Trump wählen. Sein „maybeeee“ klingt allerdings ziemlich zerdehnt. Trotzdem will er die potenziellen Ausscherer mal fragen. Dann verschwindet er im Kirchenschiff, wo an diesem Tag etwas Marmorkuchen steht und eine Doktorandin Nichtamerikaner in Englisch unterrichtet. Bis Redaktionsschluss hat sich McClure nicht mehr gemeldet.

Ein paar Meilen weiter südlich, Heartland auf einem Dutzend Quadratmetern, an einer zugigen Straße im Südwesten von Tempelhof. Im „American Lifestyle Shop“ gibt es Uncle-Sam-Poster, Stars & Stripes-Becher und Marshmellows. Käufliche Heimatgefühle für John und Jane Doe im Exil. Brigitte Wittig, eine Berlinerin mit Faible für die Vereinigten Staaten, betreibt den Laden seit 1999.

Kennt sie Trump-Fans? „Eher nicht. Den will keiner in der Community. Ist so ein Gefühl“, sagt sie. Und wird wehmütig: „Vor vier Jahren war der Laden vor den Präsidentschaftswahlen noch voll – weil viele Amerikaner Luftschlangen für Partys kaufen wollten. Da herrschte noch das große Obama-Fieber.“ Heute: große Depression. Ihre Augen müde und shoppende Patrioten nicht zu sehen. Auch die nächsten Anbahnungsversuche schlagen fehl. „Wir können Ihnen inhaltlich nicht weiterhelfen“, heißt es an der American Academy in Wannsee. Im „American Western Saloon“ im Märkischen Viertel geht keiner ans Telefon.
Es greift der Notplan: auf Tuchfühlung mit der Republikanischen Partei gehen, die ihren freakigen Kandidaten zumindest in Teilen ja noch unterstützt. „Republicans Overseas“ nennt sich der Freundeskreis der Grand Old Party außerhalb der Staaten. Deren deutscher Vorsitzender, ein Mann mit Wohnsitz in Hessen, vermittelt mir einen Berliner Freund. Diese Wahlkampfbühne wollen sie sich nicht nehmen lassen.

Einen Tag später sitze ich mit Hans Theerman, 69, auf Plastikleder in einem Donut-Franchise am Potsdamer Platz. Lederjacke, knorriges Gesicht, ein Typ wie die alternden Helden in späten Clint-Eastwood-Filmen. Einer, der allein ist mit seinem Weltbild im Hillary-Berlin. Und dennoch standhaft bleiben will.„Ich bin nun einmal ein Konservativer, weshalb mir keine andere Wahl bleibt, als den republikanischen Kandidaten zu wählen“, knurrt er.
Theerman ist in St. Louis aufgewachsen, als Sohn eines Anstreichers. Er lebte später in Brooklyn und wohnt seit Mitte der 1990er- Jahre in Berlin. Hier war er Direktor in der Niederlassung der „Global University“, einer Fern-Uni.
Trump sei zwar eine Witzfigur, ein Dummkopf, sagt er. Aber eine Demokratin als Alternative sei für ihn ein No-Go. Es folgt eine Art Inaugurationsrede: dass ein Staat sichere Grenzen braucht, um Terroristen fernzuhalten; dass ein Staat seine Bürger außerdem nicht mit Steuern schröpfen darf; und dass zumindest das Wahlprogramm der Republikaner beides garantiert.

Ist er ein Nationalist? Unmöglich zu beurteilen. Er sagt nur: „Heute wird schnell alles mögliche als Rassismus bezeichnet.“ Er glaubt, dass es mehr Trump-Wähler gibt als man denkt. Die meisten würden sich nicht outen. Aus Angst um ihren Job, auch in Deutschland. „Ich kann aber offen sprechen. Ich bin Rentner und habe nichts zu verlieren.“
Dann Händeschütteln im Neonlicht der Betonschluchten am Potsdamer Platz. Theerman steigt auf sein Motorrad und rauscht zurück nach Lichterfelde, wo er in den Suburbs wohnt.
Ob man Hans Theerman im „Bird“ in Prenzlauer Berg auf einen „Filthy Harry“ einladen würden? Es wäre ein Zusammenprall der Kulturen.

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