Ute Lemper über ihr Rendezvous mit Marlene Dietrich
Mit 24 wurde Ute Lemper zur „neuen Marlene“ erklärt. Aus Scham schrieb sie der echten Marlene Dietrich einen Entschuldigungsbrief und bekam einen Anruf zurück. Fast 30 Jahre später erzählt Lemper diese Geschichte auf der Bühne: „Rendezvous mit Marlene“ spielt sie seit 2020, auch international, am 6. Februar im Berliner Dom. Im Interview spricht sie über das private Telefonat, den Menschen hinter der Ikone und warum Marlenes Haltung heute wieder erschreckend aktuell ist.
tipBerlin Wo sind Sie gerade? Schon in Berlin?
Ute Lemper Ich bin in New York, bei mir zu Hause. Und ich habe diese Woche nochmal drei Konzerte hier, auch den Marlene-Abend. Und dann geht es nächste Woche los nach Berlin.
Ute Lemper galt schon mit 24 als „neue Marlene“
tipBerlin Ihre Show „Rendezvous mit Marlene“ basiert auf einem Telefonat, das Sie mit Marlene Dietrich geführt haben. Wie kam es dazu?
Ute Lemper Ja, das ist wirklich vor langer, langer Zeit geschehen, im Jahre 1987. Ich lebte in Paris und war dort die Sally Bowles in der Produktion Cabaret, auf Französisch, in Paris. Marlene lebte damals noch. Sie war 87 Jahre alt und lebte allein wie ein Eremit in ihrer Wohnung am Avenue Montaigne. Sie hatte das Haus für mehr als ein Jahrzehnt nicht verlassen, denn sie wollte ihr gealtertes Gesicht nicht zeigen.
Damals stand in den Zeitungen über mich geschrieben: „Die neue Marlene.“ Und ich dachte: So ein Quatsch. Diese Frau war eine unglaubliche Legende, und es war mir fast peinlich, mit ihr verglichen zu werden, da ich erst 24 Jahre war.
Ich habe ihr dann einen Brief geschrieben, um mich für diese Vergleiche zu entschuldigen und gleichzeitig meine Verehrung auszudrücken. Einen Monat später rief sie mich an. Wir haben drei Stunden telefoniert. Es war sehr tiefgehend. Ich habe wirklich ein Stück von ihrer Persönlichkeit, ihrem Herzen, ihrer Seele mitbekommen. Auch ihren Kummer, ihren Sarkasmus und ihre Verrücktheit. Ich habe diesen Menschen damals am Telefon erfasst. Und ja, 30 Jahre später habe ich das in einen Theaterabend gepackt und dachte: Jetzt möchte ich meine Geschichte von Marlene erzählen.
Marlene war immer eine Stilikone, ein stilisiertes Bild. Aber ich habe den Menschen dahinter mitbekommen, diesen alten Menschen am Telefon
Ute Lemper
tipBerlin Was ist Ihre Geschichte von Marlene?
Ute Lemper Marlene war immer eine Stilikone, ein stilisiertes Bild, eine Schwarzweiß-Fotografie. Aber ich habe den Menschen dahinter mitbekommen, diesen alten Menschen am Telefon.
Und davon erzähle ich, aber auch von den verrückten, tollen Seiten ihres Lebens. Nicht alles hat sie mir genau so erzählt. Ich habe natürlich auch viel recherchiert, Interviews angeschaut, und versucht, ihr Leben zu so zu erfassen, wie sie es selbst geschildert hat.
tipBerlin 30 Jahre sind ja eine lange Zeit zwischen dem Telefonat und der Inszenierung. Was war der finale Auslöser?
Ute Lemper Der Auslöser war, dass man begann, sie zu vergessen. Sie verblasste irgendwie im Bewusstsein der Menschen. Und ich wollte ihre Geschichte erzählen. Sie war eine unglaublich couragierte Frau, die im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland gekämpft hat. Sie war ja Ex-Patriotin, hat die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Und sie war dann Soldatin im Krieg – nicht mit Gewehr, sondern sie hat die Truppen an der Front unterhalten, um die Soldaten stärker zu machen. Weltweit wurde sie dafür angesehen. Sie bekam viele Medaillen und Ehrungen. In Deutschland beschimpfte man sie als Vaterlandsverräterin.
Das ist eine ganz komplizierte Geschichte. Sie war ja durch und durch eigentlich Deutsche, preußischer Erziehung. Sie war stolz auf ihre Herkunft und Kultur. Und sie ist ja nicht weggelaufen. Der Grund, dass sie nach Amerika gezogen ist, war, weil man sie dort in Hollywood engagieren wollte, nachdem sie den „Blauen Engel“ in Berlin gedreht hatte.
Dass sie nie wieder zurückkonnte in ihre Heimat, war wirklich ein großes Thema des Telefongesprächs. Sie war ganz bitter und ganz verletzt über diese Tatsache.
Und sie wollte es mit mir teilen, weil ich Deutsche war. Sie wollte mit mir Deutsch reden, weil sie die Sprache vermisste, dort in Paris, eingesperrt in ihrer Wohnung. Eine alte Frau erzählte einer jungen Frau ihre deutsche Geschichte.
tipBerlin Der Nationalsozialismus prägte Marlenes deutsche Geschichte. Und auch Sie gelten als Botschafterin gegen das historische Vergessen. Bekommen Ihre Abende heute, in dieser politischen Stimmung, eine neue Aktualität?
Ute Lemper Das ist natürlich auch ein Grund, warum ich ihre Geschichte erzählen wollte. Schon vor einigen Jahren habe ich um mich herum geschaut und überall Nationalismus gesehen, Populismus, sogar Neonazis, aggressive Rechtsradikale, Parolen in der ganzen Welt. Nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich, Amerika, Italien. Das ist eine Bewegung, die sich lawinenartig verstärkt hat. Und ich wunderte mich wirklich: Wie kann man sowas vergessen? Wie kann man die alten Parolen gegen die Menschlichkeit ausrufen?
Ich mache auch einen jüdischen Abend, „Lieder für die Ewigkeit“, mit Liedern, die in den Konzentrationslagern geschrieben wurden. Ein ganz wichtiger Abend für mich.
Ich habe mich immer gewundert, wie Menschen einfach vergessen können. Verblendet sind. Manipuliert sind. Mitlaufen. Es fehlt Empathie für die, denen es nicht so gut geht. Für die, die aus anderen Ländern kommen und Asyl suchen.
tipBerlin Damals haben Sie in dem Brief an Marlene geschrieben, dass es Ihnen fast peinlich ist, mit ihr verglichen zu werden, weil Sie noch so jung waren. Wie schauen Sie heute auf diesen Vergleich?
Ute Lemper Sie war ein viel größerer Star als ich. Ein riesen, riesen, riesen Weltstar. Ich habe meine gute Karriere gemacht und bin auch noch mittendrin. Auch international. Aber Marlene ist auf jeden Fall die absolute Number One of German Weltstar.
tipBerlin Wie würden Sie Ihre Annäherung an Marlene auf der Bühne beschreiben?
Ute Lemper Es ist keine Imitation, sondern Channeling. Sie zu imitieren interessiert mich nicht. Ich versuche wirklich, in ihre Seele hineinzuschlüpfen und eine Geschichte zu erzählen. Aber gleichzeitig ich selbst zu sein. Ich versuche, diesen Menschen zu erfassen und darzustellen – in Wort und Gefühl, und natürlich auch durch Musik und Singen.
In New York war Marlene immer eine Ikone
tipBerlin Sie spielen den Marlene-Abend auch in New York. Wie wird Marlene Dietrich dort wahrgenommen?
Ute Lemper Marlene ist hier in New York immer geliebt worden. Sie war der größte Star in Amerika und England. Und hier weiß man gar nicht so sehr von der Tatsache, dass sie in Deutschland damals gehasst wurde. Das ist ein Stück deutsche Geschichte. Hier ist sie immer als Ikone verehrt worden. Von Madonna bis Lady Gaga haben sie viele in der Pop-Welt kopiert. Da sind immer Elemente dieser Ästhetik von Marlene Dietrich: dieses Geheimnis, diese femme fatale.
In Berlin ist sie natürlich präsenter, weil sie zum Statussymbol der Stadt geworden ist. Nach der Wiedervereinigung kam der Marlene-Dietrich-Platz. Überall ist Marlene. Berlin hat sie angeheuert als Symbol, obwohl man sie vor dem Fall der Mauer nicht zurückgelassen hat. Das ist schon eine paradoxe Geschichte.
tipBerlin Und was bedeutet Ihnen Berlin?
Ute Lemper Ich liebe Berlin. Meine Zeit in den 80er-Jahren dort hat mich sehr geprägt, als junge Künstlerin. Es ist eigentlich meine Lieblingsstadt, weil ich dort geprägt wurde: als Künstlerin, als junge Deutsche im Kalten Krieg. Diese Realität nehme ich immer noch mit. Und ich erzähle immer noch davon. Das war für mich eine ganz wichtige Zeit.
Und ich komme so gerne zurück. Ich habe immer noch einen Koffer in Berlin – um mit dem Lied zu enden, das sie gesungen hat.
- Berliner Dom Am Lustgarten, Mitte, Fr 6.2., 20 Uhr, Tickets ab 29,55 €, weitere Infos hier
Natürlich ist Marlene Dietrich dabei: Diese 12 Berliner solltet ihr kennen. Zu Besuch bei Knef, Dietrich, Brecht: Berühmte Gräber in Berlin. Eine Jahrhundertfrau: Wir ehren Hildegard Knef. Kulturhauptstadt Berlin erleben mit den Kulturtipps: Museen, Ausstellungen und Theater. Was Berlin täglich zu bieten hat, erzählen euch unsere Tagestipps, in allen Rubriken und Kategorien. Nichts verpassen: Zur Newsletter-Anmeldung geht’s hier. Regelmäßig neu: tipBerlin-Newsletter – zur Anmeldung. Ihr wollt wissen, was in der Food-Welt Berlins geschieht? Hier entlang. Ende Februar können wir außerdem die Rückkehr des Kino International feiern, das nach 18 Monaten Sanierung wieder eröffnet.