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Vattenfall: Kultursponsor und Klimasünder – Teil 2

Klimaschutzorganisationen wie Greenpeace oder Gegenstrom nennen diese Strategie schlicht: „Greenwashing“. Vattenfall-Sprecherin Meifert sieht das naturgemäß anders. Ihr zufolge seien die Inhalte der Materialien überwiegend „branchenneutral“. Erstellt würden sie, so Meifert, „von Referenten des BDEW, Energie-Experten und Pädagogen“. Der BDEW ist der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Eines der mehr als 60 Vorstandmitglieder: Tuomo Hatakka, der Vattenfall-Europe-Vorstandschef.

Was immer „branchenneutral“ heißen soll: „unparteiisch“ kann das Wort jedenfalls nicht meinen. Da ist zum Beispiel die angebotene BDEW-Broschüre „Strombasis­wissen Nr. 104“ zum Thema „CO2 und Klima“. Im Heft werden Strategien zum Klimaschutz thematisiert. „Ein politisch ungestörter Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke ist sicherzustellen“, steht da unter anderem. Und: „Spezifische Sonderlasten für Elektrizitätswirtschaft, z.B. eine CO2-Energiesteuer, darf es nicht geben, da diese notwendige Investitionsmittel binden würden.“
Oder das Comic-Heft „Geheimnisse der Elektrizität“ des BDEW, das sich an Grundschüler richtet. Darin müssen die Schüler auf der Seite „Der Weg des Stroms“ einen Lückentext ergänzen. Die Lösung: „Kraftwerke erzeugen aus Kohle, Gas, Erdöl oder durch Kernspaltung elektrischen Strom.“ Die Bezeichnung „Atomkraft“ wird branchenüblich elegant umschifft. Und für erneuerbare Energien ist auf den 32 Seiten gleich gar kein Platz. Zwar investiert Vattenfall nach einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie des Berliner Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Zeitraum von 2008 bis 2012 drei Milliarden Euro in erneuerbare Energien, darunter ist ein Offshore-Windpark in der Nordsee. Aber mehr als das Doppelte fließt in fossile Energieträger und in die Atomkraft: 7,3 Milliarden Euro.

Laut einer Studie des Sachverständigenrats für Umweltfragen wäre es bis 2050 theoretisch möglich, 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen zu erzeugen. Auf Vattenfall können die Experten dabei jedoch eher nicht hoffen, wie es momentan aussieht. Bis 2030 soll nach Plänen der Schweden sogar doppelt so viel Strom wie heute mit Kohle erzeugt werden. Aber auch hierbei sieht sich Vattenfall selbst auf der sicheren Klimaschutzseite. Ein Drittel davon soll nämlich künftig mit der sogenannten CCS-Technik verbrannt werden. CCS steht für „Carbon Dioxide Capture and Storage“, ein Verfahren, in dem das Kohlendioxid bei der Verbrennung von Kohle zu einem großen Teil abgeschieden wird. Dabei soll das Gas durch verschiedene Techniken in riesigen Speichern unter der Erde gelagert werden.
In Schwarze Pumpe in der Lausitz hat Vattenfall vor zwei Jahren eine Pilotanlage in Betrieb genommen. 2011 will es auf dessen Grundlage den Bau eines größeren Demonstrationskraftwerks im brandenburgischen Jänschwalde beginnen. Vattenfall betont, Sicherheit habe bei der Technik „oberste Priorität“. Kritiker fürchten jedoch, dass dadurch das Grundwasser nachhaltig verschmutzt werden oder im schlimmsten Fall bei einem Unfall sogar Gas unkontrolliert durch Risse in der Deckschicht entweichen könnte. Zudem ist bislang umstritten, ob die CO2-Lagerung wirklich flächendeckend funktioniert und sich nicht zuletzt auch rentiert. Auch liegt ein Datum für die Marktreife dieser Technik noch in weiter Ferne. Konservative Schätzungen gehen frühestens vom Jahr 2020 aus.

Trotzdem feiert Vattenfall das CCS-Verfahren auf seiner Homepage bereits als „einen wesentlichen Beitrag“ zum Klimaschutz – „mit einer Technologie gegen die globale Erwärmung“. Die Konzern-Broschüre zum Thema heißt: „Klimaschutz durch Innovation“. Darin steht, die Technik biete „die Möglichkeit, signifikant CO2-Emissionen abzubauen“. Im Internet wird CCS mit Erklärfilmen ausführlich angepriesen. Und beim Berliner Jugendkongress „It’s your energy“ der Deutschen Energie-Agentur am 5. und 6. August bewirbt sich Vattenfall als Stromanbieter, der „langfristig auf CO2-neutrale Erzeugung von Strom“ setzt. Vattenfall-Sprecherin Meifert sagt, Kohle könne vom Teil des Problems zum Teil der Lösung werden: „Dies ist machbar und möglich, wie wir mit unserer CCS-Pilotanlage seit knapp zwei Jahren zeigen.“

Dennoch: Die Lösung wäre auch nicht vollkommen kohlendioxidfrei. Laut dem Bundesumweltministerium werden auch bei effektiven CCS-Techniken noch bis zu 150 Gramm CO2 pro Kilowattstunde emittiert – deutlich mehr als bei einer Windkraftanlage, wo nur für die Herstellung und Installation „herkömmliche“ Energie nötig ist. Was aber auch die CCS-Technik nicht ändern kann: Für die Förderung von Braunkohle werden – wie schon zu DDR-Zeiten – ganze Landschaften umgegraben und dabei viele Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. So sollen in der Lausitz die Ortschaften Proschim, Atterwasch, Kerkwitz, Grabko und Teile von Welzow nach Vattenfall-Plänen bis 2025 abgebaggert werden. Das Unternehmen erklärt in einer Broschüre zum Thema, man habe „großen Respekt vor den betroffenen Menschen“. Laut eigener Richtlinien werde ihnen „für eine sozialverträgliche Umsiedlung“ das Recht auf „Mitgestaltung“ und „Mitentscheidung“ eingeräumt.

Doch Vattenfall stößt mit seinen Plänen immer wieder auf erbitterten Widerstand. In der Lausitz scheiterte zwar ein Volksbegehren gegen die Tagebaupläne Anfang 2009, da zu wenig Unterschriften gesammelt wurden. In Hamburg aber gehen Aktivisten derzeit immer wieder gegen das umstrittene Steinkohlekraftwerk Moorburg, das der Konzern in Hamburg baut, auf die Barrikaden. Auch in Berlin machte Vattenfall seine Erfahrungen mit Bürgerprotesten.
Als 2007 das Vorhaben des Konzerns bekannt wurde, am Standort Klingenberg in Berlin-Lichtenberg ein neues  Steinkohlekraftwerk zu errichten, stritten Menschen aus allen Teilen der Stadt dagegen an. „Nicht nur direkte Anwohner, sondern Menschen aus ganz Berlin setzten sich gegen das Kraftwerk und für erneuerbare Energien ein“, sagt Ulf Sieberg, Referent für Klimapolitik beim BUND Berlin. Eine Bürgerinitiative gründete sich, gleichzeitig unterstützten viele Umweltverbände die Anti-Kohle-Kampagne.

Gab es während der Proteste direkten Kontakt mit Vatten­fall? „Die haben viel kommuniziert und waren für Gespräche offen“, erinnert sich Sieberg. Das Verhältnis der Umweltaktivisten zu Vattenfall sei trotzdem „distanziert“ geblieben.
Durch Hartnäckigkeit und Ausdauer erreichte das Bündnis schließlich einen Stopp der Planungen. Statt eines Kohlekraftwerks entschied sich Vattenfall für zwei Biomassekraftwerke. „Wir begrüßen diese Entscheidung“, sagt Sieberg. „Gleichzeitig stellt sich aber die Frage des Wie – die Biomasse muss umweltverträglich gewonnen und effizient genutzt werden.“
Die Frage ist durchaus berechtigt. Denn Vattenfall importiert für das Kraftwerk zu einem Teil Holz aus Gummibaumplantagen in Liberia, die durch Regenwaldrodungen entstanden sind. Der Konzern schrieb in einem Statement, der Holzimport  geschehe „im Sinne der (liberianischen, Anm. d. Red.) Bevölkerung“. Verwendet würde nur Holz „von Kautschukbäumen, die nicht mehr produktiv sind“. Das Problem sei, dass es keine klaren Richtlinien für die Nutzung von Biomasse gebe, meint BUND-Mann Sieberg. „Die Politik lässt sich vorführen und reagiert nur auf die Vorschläge von Vattenfall. Stattdessen muss Berlin eigenständige Richtlinien und einen verbindlichen, unabhängigen Klimaschutzplan aufstellen.“

Es scheint, als wenn diese Erkenntnis mittlerweile auch beim Senat angekommen ist. Er einigte sich mit Vattenfall auf eine Klimaschutzvereinbarung, die freilich auf Frei­willigkeit beruht. Im Februar 2008 beschloss das Abgeordnetenhaus zudem, bei öffentlichen Ausschreibungen neben finanziellen auch ökologische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Dies führte dazu, dass Berlin seit Anfang 2010 für all seine öffentlichen Einrichtungen Ökostrom bezieht – und zwar von Vattenfall. „Wir haben alle Grünstrom-Varianten angeboten, die am Markt verfügbar sind“, sagt Vattenfall-Sprecherin Meifert. „Das reichte vom Kraft-Wärme-Kopplung-Strom aus Berliner Heizkraftwerken bis zu Wasserkraft aus verschiedenen Ländern.“

Die 460?000 Tonnen Kohlendioxid, die das Land dadurch angeblich pro Jahr einspart, sind aber offensichtlich das Ergebnis einer schlichten Umetikettierung. Vattenfall liefert der Stadt seinen üblichen Energiemix aus größtenteils Atom- und Kohlestrom. Wie laut Medienberichten die Berliner Finanzverwaltung bestätigte, verwendet das Unternehmen dafür jedoch RECS-Zertifikate. Die Abkürzung bedeutet: „Renewable Energy Certificate System“. Diese Grünstrom-Zertifikate werden laut einer Studie des Saarbrücker Professors Uwe Leprich für Greenpeace überwiegend für Strom von oft längst abgeschriebenen skandinavischen Wasserkraftwerken vergeben. Damit darf der Konzern den Strom nun klimaneutral nennen.  Das ist übrigens völlig legal.
Echte Investitionen in erneuerbare Energien gibt es durch den Deal folglich keine. Dafür können sich die Stadt Berlin und Vattenfall mit überschaubarem Aufwand als verantwortungsbewusste Umweltschützer inszenieren.
Und auf gutes Klima machen. 

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Text: Arne Semsrott
Fotos: Harry Schnitger, Markus Wächter

INTERVIEW MIT BERLINS WIRTSCHAFTSSENATOR HARALD WOLF

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