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Vattenfall: Kultursponsor und Klimasünder

An einem lauen Sommertag im Juni hat sich hoher Besuch an der Technischen Universität in Tiergarten angekündigt: Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom soll über den Klimawandel sprechen. Die Straße des 17. Juni ist wegen der WM-Fanmeile blockiert, das Audimax wird trotzdem brechend voll, selbst die Treppen sind besetzt. Nobelpreisträger kommen an der TU auch nicht alle Tage vorbei. Da will man dabei sein. Bevor Ostrom loslegen kann, ist jedoch Tuomo Hatakka dran, ein blonder Mittfünfziger mit schütteren Haaren. Der Schwede ist der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europe, das diese „Climate Lecture“ mitsponsert. „Thank you for coming“, sagt er leise mit dünner Stimme.
Viel weiter kommt Hatakka erst mal nicht. Im Saal brechen kleinere Tumulte aus. Studenten entrollen auf der Balustrade ein Banner, fünf Meter breit, „Vattenfall = climate criminal! No more coal!“ prangt darauf. Manche Zuschauer buhen, viele applaudieren. Hatakka steht etwas verloren am Rednerpult, er wirkt beinahe eingeschüchtert. Irgendwann kommt der Vorstandschef doch wieder zu Wort. „We are part of the problem“, sagt Hatakka dann. „But we act now.“

Vattenfall und die Berliner, das ist ein gespaltenes Verhältnis. Jede Menge Widersprüche. Der zu 100 Prozent dem schwedischen Staat gehörende Energiekonzern betreibt federführend und gemeinsam mit E.on in Deutschland zwei marode Atomkraftwerke, Krümmel und Brunsbüttel, und ist an einem dritten, in Brokdorf, mit 20 Prozent beteiligt. Das vierte in Stade, das Vattenfall zu 33,3 Prozent mitverantwortet, wurde 2003 stillgelegt. Aufgrund verschiedener Störfälle in verschiedenen Meilern musste der Mutterkonzern in diesem Sommer den Vorstandsvorsitzenden austauschen. Bereits vor drei Jahren hatte in Deutschland Hatakkas Vorgänger Klaus Rauscher den Vattenfall-Europe-Chefsessel aus ähnlichen Gründen räumen müssen.

Der Konzern sponsert aber auch viele Sozial- und Kultur­projekte in Berlin. Er verspricht umfassende Klimaschutzprojekte, zieht jedoch einen Großteil seines Gewinns aus der Verstromung umweltschädlicher Kohle. In Berlin haben die Schweden, die 2003 die Bewag übernahmen, einen Marktanteil von rund 80 Prozent. Man könnte meinen, die Stadt hänge sehr an ihrem Stromversorger, trotz alledem.

Ein weißer Stern glitzert am goldgelben Himmel, ein geschwungener blauer Fluss ziert die Landschaft. Nicht nur das verspielte Firmenlogo von Vattenfall weckt romantische Assoziationen. Auch der Name. Der heißt auf Deutsch: „Wasserfall“. „Sündenfall“ wäre passender. Denn 91,9 Prozent des von Vattenfall in Deutschland erzeugten Stroms kamen im Jahr 2007 nach Greenpeace-Angaben aus fossilen Energieträgern wie Kohle und Gas. Die restlichen 8,1 Prozent entfielen auf Atomstrom (dessen 3,4-Prozent-Anteil in diesem Jahr wegen der Störfälle in den deutschen Meilern ungewöhnlich niedrig ausfiel), auf Wasserkraft und, zu 0,4 Prozent, auf Biomasse. Während der Gesamtkonzern gerade für das zweite Quartal 2010 eine Fastverdopplung des Gewinns vor Zinsen und Steuern gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 547 Millionen Euro meldete, musste die Geschäftseinheit Mitteleuropa, zu der auch Deutschland gehört, ein leichtes Minus hinnehmen, auf immer noch satte 384 Millionen Euro.

Mit einer Kohlendioxid-Emission von 890 Gramm pro erzeugter Kilowattstunde hat Greenpeace den Konzern zum „klimaschädlichsten Stroman­bieter Deutschlands“ gekürt. „Vattenfall ist mit seinen vier ostdeutschen Braunkohlekraftwerken allein für den Ausstoß von 53,8 Millionen Tonnen CO2 in Deutschland verantwortlich“, heißt es in einer Studie der Umweltorganisation von 2008. Das ist die eine Seite von Vattenfall. Die andere macht mehr her – nicht nur für das Konzernimage. Im blau-gelb angestrichenen Kundenzentrum von Vattenfall in der Chausseestraße werden derzeit die Gewinner des Vattenfall-Fotopreises ausgestellt. „Wärme offenbart sich dem Menschen in zahlreichen Formen. Diesen Begriff frei zu interpretieren und in einer fotografischen Serie festzuhalten, ist die Aufgabe des diesjährigen Vattenfall Fotopreises“, schreibt der Konzern in einer Pressemitteilung. Die Gewinner dürfen sich über bis zu 10?000 Euro freuen. Nicht nur dabei gilt für Vattenfall: Viel hilft viel.

Vor allem in den Großstädten Berlin und Hamburg engagiert sich der Konzern auf mannigfaltige Weise in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Er lobt Kulturpreise aus und veranstaltet den Vattenfall Schul-Cup, bei dem Schulen in verschiedenen Sportarten gegeneinander antreten. Die Berliner Märchentage laufen unter dem gelb-blauen Logo, der Konzern fördert Architektur-Projekte, finanzierte die Renovierung des Brandenburger Tors mit. „Wir haben Verantwortung für diese Stadt und die nehmen wir sehr ernst“, erklärt Barbara Meifert, Pressesprecherin von Vattenfall Europe Berlin. Sie bezeichnet die „soziale Entwicklung Berlins für Vattenfall“ als „äußerst wichtig“.
Kritiker sehen dagegen die Beweggründe für das En­gagement woanders. „Bei gemeinnützigem Engagement geht es Firmen in der Regel natürlich um Imagepflege“, sagt Thomas Loew vom Institute 4 Sustainability in Berlin. Der Wirtschaftswissenschaftler forscht zum Thema der Corporate Social Responsibility, kurz CSR, zu Deutsch „Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung“, und berät Unternehmen beim nachhaltigen Wirtschaften. „Die Imagepflege muss nichts Schlechtes sein, denn eine ganze Reihe an kulturellen oder sozialen Projekten ist erst mit solchen Zuwendungen aus der Wirtschaft möglich.“ CSR umfasse aber eben auch Umweltschutz und Arbeitsbedingungen.

Berliner_Halbmarathon„Formal ist die CSR-Strategie von Vattenfall gut“, sagt Loew. „Vattenfall hat herausgearbeitet, welche Themen den Stakeholdern wichtig sind und berichtet darüber, wie es als Unternehmen Lösungsbeiträge liefern möchte.“ Aber mit Blick auf den Klimaschutz sei der Ansatz von Vattenfall problematisch. „Das Unternehmen tut so, als ob Atomkraft und neue hocheffiziente Kohlekraftwerke eine Lösung für das Klimaproblem wären.“ Bei ihrem gesellschaftlichen Engagement haben die Schweden es nicht zuletzt auch auf den Nachwuchs abgesehen. Knapp 750 der 900 Berliner Schulen werden vom Konzern beraten. Ein „Klimabus“ zeigt Schülern, wie man Strom spart. Vattenfall bietet unentgeltliche Lehrerfort­bildungen und Projekttage an. In einem Raum im siebten Stock der Konzernzentrale in der Köpenicker Straße stapeln sich Lernbroschüren und Imagehefte, es gibt auch Bastelhäuser für Grundschüler. Lehrer können sich kostenlos daran bedienen. „Vattenfall übernimmt damit Verantwortung für die Bildung der Generation von morgen“, lobt sich der Konzern auf seiner Homepage.
„Natürlich müssen Lehrer darauf achten, dass die Informationsquellen für die Schüler vielfältig sind“, sagt Klaus-Peter Börtzler, stellvertretender Vorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW, vorsichtig. Nach dem Berliner Schulgesetz seien Schulen dazu angehalten, sich anderen Lernorten und damit auch der Wirtschaft zu öffnen. Aber vor Inanspruchnahme der Broschüren sollten am besten auch andere Fachlehrer und Eltern konsultiert werden, empfiehlt er.

Deutlicher wird der Journalist, Buchautor und Klimaschutzexperte Toralf Staud, der unter anderem für das Greenpeace-Magazin und die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt. „Es ist zynisch, wenn einer der größten C02-Verursacher Europas in Brandenburg mit einem Bus durch die Schulen zieht und eine Klimaakademie veranstaltet“, sagt Staud und ätzt: „Da könnte auch McDonalds Ernährungsunterricht an den Schulen anbieten.“

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