Stadtleben

Verkäufer

Neulich in Brooklyn war es wie in Berlin: Überall liefen Mütter mit Kinderwägen herum, in den Cafйs saßen alle hinter ihren iBooks, und getrunken wurde nur Organic Coffee. Es gab Läden für kleine, feine Schokola­dentörtchen und handgemachtes Spielzeug. Eins aber war anders. Die Verkäuferinnen und Bedienungen waren genauso amerikanisch wie im Rest der USA. Das heißt, sie überschlugen sich förmlich vor Begeisterung, wenn man ihnen sagte, dass man eine Coca-Cola zum Essen haben wolle: „That sounds greeaaaaaat!“

Ich weiß auch, dass nicht nur in Amerika, sondern auch in München alle freundlicher sein sollen. Die Metzgersfrau, die mit ihren fleischigen Händen den Leberkäse schneidet. Die Frauen bei Kaffee Dallmayr mit ihren Schürzen, die kernigen Madln im Biergarten. Aber ich glaube, dass ich das gar nicht will – so freundlich bedient zu werden.

Ich will bedient werden wie in Berlin. Klare Ansagen will ich hören, reelle Kauftipps. Niemanden, der mich behandelt, als sei ich begriffsstutzig, wenn ich etwas bestelle. Ich will mit Verkäufern und Verkäuferinnen auf Augenhöhe kommunizieren. Ich will auch nicht erst zwei Minuten warten müssen, wenn ich irgendwo anrufe, damit mich der andere nach Namens- und Funktionsnennung fragt, was er denn für mich tun können. Ich finde es viel höflicher, wenn die Menschen gleich zum Punkt kommen und mir nicht die Zeit rauben.

Neulich war ich im Kaiser’s (wird, glaube ich, mit Deppenapostroph geschrieben). Die Kassiererin würdigte mich kaum eines Blickes und ging konkret und wortlos dem Scannen nach. Als sie damit fertig war, sagte sie drei Worte: „Kundenkarte nich, wa?“ In diesen drei Worten offenbarte sie mehr Antizipationsvermögen im Umgang mit dem Kunden als alle bayerischen Fleischfachverkäuferinnen und Restaurantbedienungen in Brook­lyn-Park Slope zusammen. Sie hatte nicht nur erkannt, dass ich niemand bin, der mit Kundenkarten herumrennt, um zweifelhafte Treuepunktegeschenke zu ersammeln – sie machte mit dieser präzisen Frage auch klar, dass sie ebenfalls nichts von diesem ganzen inflationären Bonuskram hält. Jawoll – Kundenkarte nich nur nich – sondern auf gar keinen Fall. Weil wir uns nämlich in Berlin nicht von irgendwelchen Marketingstrategen übers Ohr hauen lassen. Weder die Angestellten im Supermarkt noch die Kunden. Das nenne ich Augenhöhe.

Ich habe ähnlich schöne Erlebnisse auch in anderen Branchen gesammelt. Als ich mir nur mal so in der Mercedeswelt am Salzufer eine seltsame C-Klasse anschaute, fragte ich den Verkäufer, ob man das Sicherheitspaket brauche. Er schaute mich an, als hätte ich nach einem Schleudersitz gefragt, und klärte mich dann darüber auf, dass das Paket völlig überflüssig sei. Das nenne ich eine kompetente Beratung. Ein anderes Mal stand ich mit einer Jeans, die meinen Po furchtbar plattdrückte, bei Zara vor dem Spiegel, und der Verkäufer sagte völlig zu Recht, dass ich grausam aussähe. Jede Wette, in New York hätten sie gesagt: „You look fantastic.“ Und in München, dass plattge­drück­te Ärsche jetzt Mode seien.

Nein. Alle dürfen jetzt mal aufhören mit dem Klagelied über schroffes Personal in Berlin. Berlin hat die ehrlichsten, also besten Verkäufer der Welt.

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